Performance

She She Pop im HAU 1

Wir müssen hier raus: She She Pop headbangen zu Rio Reiser bei ihrer autobiografischen „Schubladen“-Recherche

Benjamin Krieg

Annett Gröschner, eine erfreulich sarkastische Schriftstellerin, erzählt von den seltsamen Zufällen und Zumutungen, die ihr das Leben bescherte – lauter kleine, funkelnde Momentaufnahmen. Sie ist mit Alexandra Lachmann, Wenke Seemann, Ilia Paptheororou, Johanna Freiburg und Nina Tecklenburg eine von sechs Protagonistinnen in „Schubladen“, ein Stück des Perfomance-Kollektivs She She Pop, das jetzt noch einmal im HAU zu sehen ist.

An drei Tischen sitzen sich je eine Frau mit ost- und westdeutscher Herkunft gegenüber, befragen sich zu ihren Erinnerungen und kramen in ihren Biografie-Schubladen. Es ist eine gute Gelegenheit, zu untersuchen, wie anders oder ähnlich sich Kindheit, erste Verliebtheiten, Selbstdefinition, Musikgeschmack, sexuelle Orientierung oder das Verhältnis zum Geld je nach landesteil-typischer Prägung anfühlen. Spätestens bei den jederzeit konsensfähigen „Ton Steine Scherben“ ist dann auch hier die innere Einheit Deutschlands vollendet. Sechs Darstellerinnen mittleren Alters dabei zuzusehen, wie sie zu Rio Reisers „Wir müssen hier raus, wie leben im Zuchthaus…“ begeistert headbangend auf ihren Bürostühlen über die Bühne rollen, hat seinen eigenen Reiz.
Erfreulicherweise neigen die Performerinnen in ihren Fremd- und Selbstbeschreibungen zu Diagnosen von offenherziger Diskriminierungs­freude, ohne es nötig zu haben, sich selbst zu schonen – etwa bei den Peinlichkeiten, die die Lektüre alter Tagebücher zu bieten hat. Mit „Schubladen“ setzen She She Pop  ihre autobiografischen Recherche-Projekte fort, mit denen sie spätestens seit ihrem Erfolgsstück „Testament“ (bei dem die Performerinnen ihre Väter auf die Bühne gebeten haben) ein eigenes Genre definiert haben. Der Hang dazu, Leben in Anekdoten aufzulösen, und der begrenzte Erkenntnisgewinn des Abends werden durch die gute Laune, die er macht, ausgeglichen.

HAU 1 Sa 4.3., 20 Uhr, So 5.3., 17 Uhr, Eintritt 13 – 22, erm. 11 €

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