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Interview

„Show me a good time“ von Gob Squad im HAU: 12-Stunden-Show zum Finale der Spielzeit

„Das Jetzt ist immer der Ausgangspunkt“: Gob Squad machen das Beste aus der Krise – sie inszenieren als letztes großes Projekt vor dem Ende der Spielzeit am HAU am 20./21. Juni eine Zwölf-Stunden-Show: zum Beispiel über das Theater, das nicht mehr stattfinden kann, und über einen guten Vorsatz: „Show me a good time“. Wir haben im Vorfeld mit Berit Stumpf und Simon Will von Gob Squad über ihr einmaliges Live-Projekt gemailt. Weil die Performer*innen und ihre Shows keine englisch-deutschen Sprachgrenzen kennen,  gibt es auch im Interview britische Einprengsel.  

„Show me a good time“ von Gob Squard dauert zwölf Stunden. Foto: Dorothea Tuch/ HAU

tipBerlin Was geschieht in Ihrer Zwölf-Stunden-Performance „Show me a good time“? 

Gob Squad Anker und Angelpunkt der Performance ist eine Performerin allein in einem leeren Theater ohne Publikum. In Form einer Live-Übertragung spricht sie von der Bühne des großen HAU 1 – im Rücken das leere Auditorium – in eine Web-Kamera und versucht sich mit dem Rest der Welt in Verbindung zu bringen. Ihre ganze Existenz ist jetzt abhängig von einer Technologie und Maschinerie, die durchaus abstürzen und zusammenbrechen kann. Während die Zeit weiterläuft und die Nacht anbricht, versucht sie durch die digitalen Filter und gepixelten Oberflächen hindurch zu dringen und die Welt draußen zu berühren und sinnlich zu erfassen – um das anzufassen und zu spüren, was im Moment nicht möglich ist.

Straßen-Passanten stehen ein für das abwesende Theaterpublikum

Sie performen für Passanten auf der Straße, die einstehen für ein abwesendes Theaterpublikum. Die Übertragung verbindet sie außerdem zyklisch mit verschiedenen Performer*innen und Narrationsfäden – lose verstreut in der Stadt und entfernteren Orten. Scheinbar ziellos durchstreifen sie im Auto oder zu Fuß die Straßen Berlins oder stecken fest in irgendeinem Zuhause – allein, mit ihrer Mutter oder ihren Kindern. Verbunden nur durch die Technik und das Korsett einer weiter tickenden Uhr, die sie gleichzeitig steuert und kontrolliert, versuchen sie immer wieder Momente zu schaffen und zu markieren, um der weiterlaufenden Zeit Struktur und Bedeutung zu verleihen.

Ausgehend von eigenen Erinnerungen und dem Gedächtnis der Stadt, werden sie zu Spurensucher*innen und Zeitreisenden durch die Nacht und versuchen, die Schichten einer uns fremd gewordenen Wirklichkeit freizulegen, um herauszufinden wie wir weitermachen können: Wie und wo, zwischen all dem Schmutz und Staub, lässt sich je wieder eine gute Zeit entdecken? 

Was ist eine “gute Zeit”?

tipBerlin Ist es schwierig, derzeit eine  gute Zeit zu haben und zu zeigen? 

Gob Squad Was ist eine “gute Zeit”? Wenn es Zusammenkunft bedeutet, dann ist das durchaus schwierig im Moment. Hier in Berlin – wie auch anderswo – lässt sich in den letzten Wochen mit zunehmender Öffnung und einhergehenden Lockerungen die Erleichterung spüren: die Freude darüber, sich wieder zu treffen, einfach zusammen zu sein. Vielleicht kommt dieser Form der Gemeinschaftsbildung damit auch eine andere, höhere Bedeutung zu – wie so oft bei Dingen, die man erst richtig schätzen lernt, wenn man sie vermisst hat.

Nachdem wir unsere gesamte Kommunikation über den Bildschirm abwickeln mussten, wird das körperliche Zusammensein womöglich neu aufgeladen – denn Feiern, Partys, Konzerte – und eben auch Theater – lässt sich wirklich nicht gut in digitaler Form zusammen erleben. Da fehlt ein entscheidender Faktor: die Zeugengemeinschaft. Die gleichzeitige Anwesenheit von Körpern in einem Raum. Und genau hier – in diesem Dilemma – setzt unsere Performance an. Das ist der Ausgangspunkt: die Abwesenheit dieser Gemeinschaft. 

In a wider sense the situation has touched everyone in intense but very different ways depending on their circumstances, its not really possible to make a generalisation about how it’s effected people, communities and cultures. You could say that not only have the physical gaps increased between us but the mental and ideological gaps too. These mental gaps were already under considerable strain, but now they are vast. In countries where someone’s reaction to the virus has also become an expression of a political view point (like the US or Brazil) this is particularly stressful.  

Die Krise wirkt eher wie ein Katalysator

tipBerlin Ist die derzeitige Krise vielleicht auch eine Chance? 

Gob Squad Wir wissen aus der Erfahrung, dass eine Krise immer auch das Potenzial hat, die Politik und Kultur grundlegend zu verändern. Wir befinden uns ohne Zweifel in einer großen Krise gerade und für einen Großteil der Bevölkerung in der gesamten Welt, die ohnehin schon prekär gelebt haben und um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen, ist diese Krise ein Desaster. Die Krise wirkt eher wie ein Katalysator und bringt die Missstände und Ungerechtigkeiten nur stärker ans Licht, die auch vorher schon da waren. Die Chance, diesen Moment des Innehaltens zu nutzen, um nicht so weiter zu machen wie bisher, besteht – und wir sollten sie nicht ungenutzt davon ziehen lassen.

Keine Zuschauer, dafür ein Smartphone: Gob Squad produzieren unter Ausschluss der Öffentlichkeit – aber für ein breites Publikum. Foto: Dorothea Tuch/ HAU

Die Krise hat in manchen Bereichen ein solidarisches Gesicht gezeigt, aber auch ein hässliches egoistisches, das die Kluft zwischen Arm und Reich, Oben und Unten nur noch stärker aufgemacht hat. Die Möglichkeiten und Ziele, für die wir alle kämpfen müssen, sind die gleichen wie vorher: eine gerechtere Verteilung unserer Ressourcen, Klima- und Umweltschutz und Erhaltung der Lebensbedingungen für Mensch und Tier, Flora und Fauna. Ebenso wie der Kampf gegen jegliche Form von Diskriminierung und Ausbeutung. Vielleicht hat die Krise mehr Menschen wachgerüttelt. Und vielleicht entsteht daraus eine neue Bereitschaft und Solidarität, diese Herausforderungen anzunehmen und gemeinsam für sie zu kämpfen. Vielleicht. 

Das Internet ist NICHT Theater

tipBerlin Ist Theater im Internet wirklich eine gute Idee oder eine traurige Notlösung? 

Gob Squad Das Internet ist NICHT Theater – genauso wenig wie ein Film mit einem Buch vergleichbar ist. Verschiedene Medien und Ausdrucksformen kommen mit ihren eigenen Limitationen und Erwartungen. Es gibt keine einzige Lösung für alle und niemand sollte denken, dass es hier um eine binäre endgültige Entscheidung geh und es gibt viele Möglichkeiten Kunst zu machen, sogar in Ausnahmezuständen und Zeiten einer Pandemie. 

Gob Squad sind es gewohnt, die Bedingungen, unter denen wir kreativ sind und etwas entsteht, immer mit zu reflektieren und sie zum Teil des Projekts werden zu lassen. Wir stellen uns geradezu gern diesen Herausforderungen, weil sie uns immer wieder zwingen, Neuland zu betreten und etwas Neues auszuprobieren – von dem wir keine Ahnung haben, ob und wie es funktioniert.

Die Möglichkeit des Scheiterns ist bei uns immer mit inbegriffen – sie ist Teil unserer Kunst. Das macht es nicht immer einfach, aber es macht es aufregend und risikoreich. Unsere Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum. Deshalb haben wir auch schon in vorhergehenden Projekten immer wieder den Theaterraum verlassen und andere Orte gewählt und bespielt. Immer holen wir die Realität und Gegenwart ein Stück rein in unsere Kunst. Sie bietet das Futter, den Boden, auf dem wir anfangen zu denken und zu säen – so auch jetzt.  

Du warst also dabei, oder du hast es verpasst.

tipBerlin Wenn ich die Show am 20. Juni verpasse – habe ich eine Chance, sie noch mal online zu sehen?  

Gob Squad Wichtig war uns, dass das, was wir im Netz aufführen, trotzdem einen Ereignischarakter behält, dass es nur live existiert – in dieser einen kürzesten Nacht des Jahres – und danach ist es wieder vorbei. Und verschwindet auch wieder aus dem Netz. Du warst also dabei, oder du hast es verpasst. Und kannst das dann nicht nachholen wie eine Folge deiner Netlix-Serie. Die Zuschauenden, die also dabei sind und vielleicht auch durch die Nacht dabei bleiben, werden also auch durch diese gemeinsame zeit, die sie mit uns verbringen, zu einer Art Gemeinschaft.

Sie werden zu Zeitzeugen und unseren Bergleiter*innen dieser Nacht – auch wenn sie örtlich getrennt und über den gesamten Globus verteilt sind. Und natürlich können sie selbst entscheiden, wie sie zuschauen und ob sie rein- und rausschalten oder uns im Hintergrund ihres Tagesablaufs auf ihrem Computerscreen dabei haben. Ob sie zwischendurch schlafen. Und wie und ob sie mit uns interagieren. Denn diese Möglichkeit wird bestehen. Wir versuchen sie immer wieder zu erreichen und Kontakt herzustellen.  

Die Gegenwart liegt quasi im Koma

tipBerlin Wie ist es, diesen Kontakt nur online herstellen zu können? 

Gob Squad Gob Squad haben bereits Erfahrung damit, über Bildschirme und Leinwände hinweg mit einem Publikum zu interagieren. Aber bislang war das Publikum als solches immer zusammen, in seiner Abwesenheit also trotzdem immer als Gemeinschaft vereint. Dass das diesmal anders ist und wir keine Ahnung haben werden, wer uns von wo alles zuschauen wird und wie – das ist für uns wie für viele andere Künstler*innen gerade komplett neu. Und fühlt sich wirklich wie ein großes Experiment an. Mit offenem Ausgang.  

tipBerlin „Das Jetzt ist alles, was uns bleibt“, schreiben Sie in Ihrem Ankündigungstext zur Show.  Das ist ein Versprechen oder eher eine schreckliche Vorstellung: Ein Leben ohne Erinnerung und Zukunftserwartung – der „Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ (Alexander Kluge)?  

Gob Squad Das Jetzt ist immer der Ausgangspunkt – und auch die einzige Zeit, in der wir handeln und ansetzen können. Von daher ist es immer die einzige Zeit, die uns wirklich bleibt. Die Gegenwart liegt quasi im Koma. Und bedarf Heilung – nicht erst durch die Pandemie. Aber die “Pause” zwingt uns gerade in ganz besonderer Form dazu, innezuhalten und das was war und was kommt, zu überdenken. Vielleicht auch Bilanz zu ziehen.

Sie birgt eine echte und große Chance für Veränderung. Wenn wir sie nutzen. Wir sind gerade auf einer Art Brücke – zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und beide scheinen gerade im Begriff zu sein neu verfasst und umgeschrieben zu werden. Das ist in der Geschichte schon mehrfach geschehen – und es wird auch wieder passieren. Es ist der Boden und das Klima für grundlegende Umwälzungen, kleine und große Revolutionen. Wir sind gespannt… 
 
Show me a good time im HAU 20.6, 18 Uhr – 21.6., 6 Uhr


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