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„Siena“ in der Schaubühne

Müde von „Avantgarde“, von lahmen Leibern und bedeutungsschwerer Heiligkeit? Hier kommt das Gegenmittel. Ein überlebensgroßes Gemälde, Tizians berühmte „Venus von Urbino“, steht mitten im Raum. Wir sind in den Uffizien von Florenz, wo man uns, wie in jedem Museum, beobachtet. Permanent sieht ein Museumsmann den Besuchern zu, betrachtet sie beim Blick auf diese splitternackte, ins Bett drapierte Frau, das Geschlecht im Zentrum. Schamfrei schaut die Venus zurück. Genauso schamlos werden wir von Wärtern des Museums kontrolliert: Jeder von uns ist ein mutmaßlicher Gemäldeschlitzer oder potenzieller Bilderstürmer.
Das ist die Ausgangslage auf der Bühne: Der Wächter (Manuel Rodriguez) tanzt, seine Arme scheren wie Heckenschneider, seine Beine grätschen so gefährlich, wie man es sonst nur bei den hoch beschleunigten Balletten eines William Forsythe sieht. Nicht nur wird hier besonders exzellent getanzt, auch ein Krimi ist im Anzug. Eine Besucherin wird sterben, als sie ihre Blicke ins Tizian-Gemälde versenkt. Eine Bahre wird hereingefahren, ein Leichensack geöffnet und über ihrem Körper wieder geschlossen. Später stürzt die Leiche aus dem Bühnenhimmel.
Erdacht hat dieses famose, sehr dramatische, nie langweilige Augen-Abenteuer ein Newcomer: Marcos Morau aus dem spanischen Valencia. Der 31-jährige Morau ging von der verarmten Stadt mit seiner zehnköpfigen Compagnie nach Barcelona, wo es noch Geld und internationale Beziehungen gibt. Für ihn ein Glücksfall.
Morau wirkt halb verlegen, halb verwegen. Er ist überrascht vom derzeitigen Hype um seine Compagnie La Veronal. Dabei ist er aus tiefstem Herzen ein Theatermann. Ihn faszinieren die Kapriole, die Volte, der schnelle Wechsel von Perspektiven, die überraschende Wendung einer Handlung. Vielleicht sind ihm Schauspieler dafür schlicht zu langsam. Er entdeckte, dass Tänzer dem Zuschauer besser die Fähigkeit anzüchten, schneller zu sehen und konzentrierter wahrzunehmen. Der Zuschauer wird selbst zum Museumswächter. Und doch wird hinter seinem Rücken auch weiter tüchtig gestorben. Selbst die „Venus von Urbino“ wird verschwinden. Keine Sorge, das Original hängt in Florenz. Das Stück heißt „Siena“, weil es die reichste Stadt Italiens war. Erst die Pest dort führte zur Blüte von Florenz, zu den Uffizien und zu Tizians Berühmtheit. Der Tod, sagt das Stück von Morau, ist ein ganz großer Meister.

Text: Arnd Wesemann

Foto: Jesus Robisco 

Siena in der Schaubühne, ?Fr 22.+Sa 23.8., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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