• Kultur
  • Theater
  • „Sind das die letzten Tage der liberalen Demokratie?“ – Gespräch mit Falk Richter

Uraufführung

„Sind das die letzten Tage der liberalen Demokratie?“ – Gespräch mit Falk Richter

Falk Richter über sein neues Stück „Verräter“ am Maxim Gorki Theater und den Aufstieg der homophoben Rechten

Foto: Esra Rotthoff

tip Herr Richter, Ihr neues Stück am Maxim Gorki Theater, „Verräter“, hat einen seltsamen Untertitel: „Die letzten Tage“. Welche Gesellschaft erlebt da ihre letzten Tage?
Falk Richter Das untersuchen wir gerade. Ist das Gefühl richtig, dass wir eine Zeitenwende erleben? Rückt durch die Wahl von Trump, durch autokratische Herrscher in Ungarn, in der Türkei, in Polen, durch den Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen in Westeuropa das Ende der liberalen Demokratie näher? Was will diese neue völkische ­Bewegung? Wie wirkt sich das auf das Leben, die Gefühle der Menschen aus, die von diesen Bewegungen attackiert werden? In den USA nimmt der offene, aggressive Rassismus spürbar zu. Eine Formulierung wie „Die letzten Tage“ dramatisiert dieses Gefühl, das ist eine Zuspitzung dessen, was wir derzeit ­erleben. Sind das die letzten Tage der Demokratie, sind das die letzten Tage eines emanzipativen Aufbruchs, der gleiche Rechte auf gesellschaftliche Teilhabe für alle Gruppierungen wollte? Jetzt gewinnen mit Politikern wie Trump oder Le Pen wieder ganz andere Vorstellungen an Kraft. Alte Bilder von ­Heteronormativität und Nation, von Familie und Volk werden zu Wahlprogrammen. Sind das die letzten Tage der Illusion eines offenen Europas ohne Grenzen? Fängt jetzt etwas neues Altes an? Wie verhalten sich die Figuren auf der Bühne dazu? Wehren sie sich dagegen, sind sie verunsichert? Gibt es Ansätze zu einer neuen linken Bewegung, die versucht, Widerstände gegen diesen aggressiven, völkischen Nationalismus zu organisieren?

tip Worin sehen Sie die Ursache des Erfolgs rechtspopulistischer Politiker? Sind ihre Wähler einfach nur  homophobe Rassisten und Rechtsradikale?
Falk Richter Das wäre zu einfach. Trump hat sicher Rassismus geschürt, rechte Populisten bedienen nationalistische Feindbilder: wir gegen die anderen. Aber natürlich ist ihr Erfolg auch ein Indiz dafür, dass in diesen Gesellschaften  sehr vieles falsch gelaufen ist. Das wird jetzt sichtbar.

tip Spätestens seit Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ ist es unübersehbar, dass eine der Ursachen der rechtspopulistischen Erfolge der Verrat der Linken an der Arbeiterklasse und den Modernisierungsverlierern ist. Bernd Stegemann spitzt das in seinem neuen Buch „Das Gespenst des Populismus“ diagnostisch zu.
Falk Richter Die Linken sind nicht die einzigen, die die Arbeiterklasse verraten haben, das gilt genau so für konservative Freunde der  Marktwirtschaft. Da treffen sich die Schröder- oder Blair-Sozialdemokraten mit CDU und FDP.  Stegemann nennt das den „Liberalen Populismus“, das finde ich einen sehr guten, treffenden Ausdruck. Das Fatale ist, dass linke Bewegungen wie die um Bernie Sanders in den USA oder Ansätze wie bei Occupy im Augenblick völlig überrollt und von zwei Seiten erdrückt werden; einerseits von den neoliberalen Populisten, die keine Alternative zu Marktgesetzen und angeblichen Sachzwängen sehen, andererseits von Rechtspopulisten.

tip Hat sich die Kulturlinke zu sehr für egoistische Selbstverwirklichung, geschlechtsneutrale Toiletten, genderpolitisch ­korrekte Sternchen-Wortendungen und andere Symbolpolitiken und zu wenig für ökonomische Konflikte und Klassenkämpfe interessiert?
Falk Richter Man muss das eine nicht gegen das andere ausspielen. Es wäre reaktionärer Unsinn, zu behaupten, selbstbewusste Schwule und Transgender mit ihren Partikularinteressen wären schuld an Trumps Wahlsieg. Dass sie für ihre Rechte kämpfen, ist nicht egoistisch oder egozentrisch, es ist einfach ihr Recht. Die wollen nur die gleichen Rechte wie alle anderen auch. Kämpfe um Emanzipation haben auch eine ökonomische Dimension. ­Schwarze und Frauen haben immer noch schlechtere Karrierechancen und verdienen bei gleicher Qualifikation im Schnitt weniger als heterosexuelle weiße Männer.

tip Wie verhandeln Sie diese Konflikte in Ihrer Inszenierung?
Falk Richter Die Schauspieler auf der Bühne gehören zu den Menschen, die von den neuen Rechten als Volksfeinde oder Vaterlandsverräter beschimpft werden: Menschen, die dafür sind, dass Geflüchtete hier leben, Menschen, die keine traditionellen Lebenspartnerschaften eingehen, die sich in den Augen der Nationalisten „mit Fremden vermischen“ und „das deutsche Blut nicht rein halten“. Eine Israelin, Deutsch-Türken, ein Ruhrpole, Arbeiterkinder, Schwule, Lesben, ein heterosexueller weißer Mann aus einem Hamburger Elbvorort, ein sehr diverses Ensemble – das ist sehr typisch für eine Stadt wie Berlin. Wie gehen diese ­Leute jetzt mit diesen Umbrüchen und dieser neuen Bedrohung um? Haben sie Angst oder bleiben sie gelassen? Was macht das mit ihnen, wie verändert sich ihr Leben? Eine wichtige Frage ist für sie, ähnlich wie für Didier Eribon in „Rückkehr nach Reims“: woher komme ich eigentlich. Einige von uns kommen auch aus Familien, die diesen neuen rechten Bewegungen gar nicht so abgeneigt sind. Ein wichtiges Thema ist auch so was wie soziale Scham von Menschen, die aus der sogenannten „Unterschicht“ kommen und jetzt am Theater arbeiten. Sie erzählen, dass sie sich zum Teil wie Verräter an der sozialen Schicht ihrer Herkunft fühlen. Sie sind aus dieser Schicht zum Teil regelrecht geflohen. Die Abgehängten, die Ausgeschlossenen, die gibt es ja wirklich. Aber es ist gar nicht so leicht, solidarisch zu Menschen zu sein, die einen immer abgelehnt und diskriminiert haben.

tip Das ist das Muster von Eribons Lebensgeschichte. Sein Weg aus der homophoben Arbeiterklasse in der Provinz ins Pariser Intellektuellen-Milieu war eine Befreiung, und es war gleichzeitig ein sozialer Aufstieg um den Preis des Verrats seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse und seiner Familie, die jetzt Le Pen wählt.
Falk Richter Genau, das ist der Konflikt. Was ich in dieser Arbeit mehr mache als bei früheren Inszenierungen, ist, dass die Menschen auf der Bühne von ihren eigenen Biographien erzählen. Ich bin ziemlich berührt und begeistert davon, wie offen sie das erzählen. Ein Schauspieler aus einer türkischen Familie, der in Kreuzberg geboren ist, erzählt zum Beispiel von seiner Zeit in der Türkei während des Putsches. Ich habe diese Geschichten genommen und überarbeitet, ein Remix. Ich glaube in Zeiten eines politischen Schocks, eines Umbruchs, wird es vielleicht  wichtiger zu fragen, wer man ist und woher man kommt.

Maxim Gorki Theater Eintritt 10–34 €
Bernd Stegemann: Das Gespenst des Populismus Verlag Theater der Zeit, 180 Seiten, 14 €

Mehr über Cookies erfahren