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Sir Simon Rattle: „Die Philharmoniker haben die Power eines Kernkraftwerks“

Simon_Rattle_c_ThomasRabschSir Simon Rattle, Sie haben sich entschieden, Ihren Vertrag als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht über 2018 hinaus zu verlängern. Als Grund dafür gaben Sie an, dass Sie dann 63 werden. Ist das Alter eine so schlimme Sache?
Ich bin jedenfalls dagegen (lacht). Ich muss sagen, dass ich immer größten Respekt für Sänger hatte, die ihren frühen Karriereausstieg mit dem Satz begründeten: „Besser wird es nicht.“ Man sagt, dass Dirigenten erst mit 70 Jahren überhaupt kompetent werden. Jedenfalls: 16 Jahre bei einem Orchester sind genug.

Als Chefdirigent der Philharmoniker wurden Sie von der Kritik erstaunlich kontrovers wahrgenommen. Beim Publikum dagegen waren Sie immer populär. Wie schafft man es, über schlechte Kritiken hinwegzukommen?
Ich glaube, Dirigenten und Presse brauchen sich gegenseitig. Man wird als Dirigent heute keine Karriere machen, ohne kritisiert zu werden. Übrigens seien Sie sicher, dass durchwachsene Kritiken gar nichts sind gegenüber der Selbstkritik, die man als Musiker nie abstellen kann.

Werden Sie in Berlin bleiben, wenn Sie Ihre Stelle hier aufgeben?
Meine Frau und ich wüssten nicht, wo wir sonst hingehen wollten. Wir fühlen uns wie im Zentrum Europas. Wir möchten bleiben.

Wir reden hier auf Englisch. Einige Leute in Berlin haben Ihnen nie verziehen, dass Sie nicht richtig Deutsch gelernt haben. Was können Sie zu Ihrer Verteidigung vorbringen?
Ich kann nur sagen, dass ich dafür auch zu Hause von meinem Achtjährigen ausgelacht werde. „Glaub nur nicht“, sagt er, „dass es Deutsch ist, was du sprichst.“ Der Grund ist, dass ich einfach zu spät an­gefangen habe. Ich bin leider unfähig, mich auf Deutsch mit dem geringsten Maß an Raffinesse auszudrücken, es reicht nur für den Elternabend.

Dirigenten sind oft erstaunlich wirklichkeitsfern und leben in einer eigenen Welt. Niemand traut sich, ihnen die Wahrheit zu sagen …
Aber ich bitte Sie, doch nicht in Berlin! Die Philharmoniker sind ein ehrliches Orchester, das einem die Wahrheit sagt. Trotzdem haben Sie recht: Das Klassik-Business ist eine Seifenblase. Und die Dirigenten sind Teil davon. Durch die Education-Arbeit, die ich wichtig finde, kann ich wieder ein bisschen Bodenhaftung gewinnen.

Kommen Sie überhaupt mit Jugendlichen in Kontakt, die nicht schon für die klassische Musik gewonnen sind?
Doch, doch. Bei der Education ist es ja ein bisschen so wie beim Landbau im Mittelalter: Man streut die Saat im hohen Bogen über das Feld. Sie fällt auf alle, egal, ob sie begeistert sind oder nicht. Ich schätze, dass ich ziemlich viel mit Jugendlichen in Berührung komme, die ursprünglich nicht viel von klassischer Musik halten. Ich glaube nur, dass die Überzeugungskraft der Musik selber nicht schlecht ist.

Welche Hauptschwierigkeit müssen Sie gegenüber Jugendlichen überwinden?
Das Hauptproblem bei klassischer Musik ist die Notwendigkeit, eine Weile still zu sitzen. Man muss sich etwas Zeit nehmen, diese Musik ist meist länger als ein MTV-Clip. Also: Wait and listen! Habe Geduld und mach einfach Musik! Übrigens merke ich es auch an meinen eigenen Kindern. Man sollte auf keinen Fall pushen oder forcieren. Man muss warten, dass ein Fenster aufgeht. Es kommt immer darauf an, dass die Jugendlichen Teil der Sache werden, dass man sie aktiv und konkret einbezieht. So wie beim Fußball. Wenn einem das gelingt, wird man staunen, was Jugendliche alles wissen. Mein Erfolgsgeheimnis ist die Erkenntnis: Wenn alles neu ist, ist auch alles möglich.

Was ist das Schlimmste, was Sie von Jugendlichen je über klassische Musik gehört haben?
Lassen Sie mich nachdenken. Dass klassische Musik „langweilig“ ist, halte ich noch für eines der harmlosen Vorurteile. Das Schlimmste war, glaube ich, die Frage: „Warum verschwendest du immer noch deine Zeit damit?!“ Da fällt mir auch nichts mehr ein.

Sie waren der erste Dirigent eines großen Orchesters, der Education zur Chefsache gemacht hat. Wie wichtig waren die großen, glanzvollen Events, die Sie initiiert haben, also zum Beispiel das Tanzprojekt „Rhythm Is It“?
Es waren Flaggschiffe für uns, mit denen wir Aufmerksamkeit gewinnen konnten. Auch Sponsoren! Fast noch wichtiger ist aber anschließend die Fülle kleiner Veranstaltungen, mit denen man sein Feld bestellt. Die sind nicht so glamourös, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Das Motto bleibt immer: Unlock your own creativity!

Woher haben Sie das Problembewusstsein für all das?
Aus England. Wir Briten mögen in wenigen Bereichen führend sein. In diesem Bereich sind wir es – zusammen mit den Finnen. Das Problem begann bei uns schon in den 1970er-Jahren. Damals gab es Kürzungen im Bildungsbereich und die Erziehung zur Musik blieb auf der Strecke. Wir sahen, dass nichts nachwächst, wenn wir nicht selber was tun.

Das war zu Ihrer Zeit als Chefdirigent in Birmingham?
Ja, genau. Damals kamen Mitglieder des Orchesters selber mit Vorschlägen und Projekten. Es war ein politischer Aktivismus. Denn die Politiker glaubten, dass man lediglich Eliteschulen braucht. Dass kulturelle Aktivität nicht von selber entsteht, sondern gefördert werden muss, hatten sie nicht erkannt.

Die Berliner Philharmoniker haben früher auch nicht sehr viel in diesen Bereich investiert. Mussten Sie hier Vorbehalte überwinden?
Die Berliner Philharmoniker hatten nichts gegen die Education-Arbeit. Viele sagten sofort: „Wir sind doch sowieso alle Lehrer.“ Dieses Lehren kam allerdings nur besonders Begabten zugute. Aber wir fanden, dass Education jeden erreichen sollte. 80 Musiker des Orchesters wollten sofort mitmachen. Das war eine großartige Basis. Wissen Sie, wenn man die Berliner Philharmoniker für etwas gewinnt, besitzt man die Macht und die Power eines Kernkraftwerks. Am Ende kamen auch altgediente, verdiente Musiker wie zum Beispiel Rudolf Watzel zu mir und sagten: „Simon, diese Arbeit hat eigentlich mein Leben verändert.“

Was haben die Musiker gesagt, die weniger interessiert waren?
Sie waren der Meinung, dass man sich aus derlei Aktivitäten eher heraushalten solle. Sie fühlten sich einfach nicht wohl damit. Ein durchaus zu respektierender Standpunkt. Und sie schienen zunächst auch recht zu behalten. Erstens stellten alle fest, dass man eine solche Arbeit nicht von der Kantine aus organisieren kann. Und die Arbeit am „Sacre du printemps“, unserem ersten großen Projekt, schrammte mehrfach an der Katastrophe vorbei, wie man das in dem Film „Rhythm Is It“ sehen kann.

Der Choreograf schien zeitweilig an der mangelnden Motivation der Jugendlichen zu scheitern.
Nur konnten wir das Projekt zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr stoppen. Zum Glück! Inzwischen, glaube ich, ist die Education-Arbeit für das Orchester nicht mehr wegzudenken.

Was wäre, wenn man im Rückblick auf Ihre Arbeit einst sagen würde: „Die Einführung der Education-Arbeit war sein Haupt­verdienst“?
Das wäre, ehrlich gesagt, schon traurig für mich. Es wäre nicht genug! Ich bin ja doch Musiker. Nicht Erzieher. Aber es bleibt trotzdem ein wichtiger Teil der Arbeit dieses Orchesters.

Mit welchem Satz sollte man sich stattdessen an Sie zurück­erinnern?
Ich würde sagen, mit dem Satz: So dumm, diese Frage zu beantworten, war er nicht.

Was halten Sie davon, wenn klassische Musik verpackt wird, als ob es Popmusik wäre?
Es hat, glaube ich, keinen Sinn, so zu tun, als wenn klassische Musik wie Popmusik wäre. Interessant ist aber, dass zeitgenössische E-Musik für junge Leute oft einfacher zugänglich ist als ältere Musik. Man sollte so verfahren wie die großen Museen, bei denen sich in den letzten Jahren auch vieles verändert hat. Die Meisterwerke an den Wänden sind immer noch dieselben. Die Vermittlung ist eine andere geworden.

Welche Museen in Berlin favorisieren Sie?
Bevor ich hier lebte, habe ich bei jedem Gastauftritt die Ethnologischen Sammlungen in Dahlem besucht. Ich war fast der einzige Besucher. Und die Gemäldegalerie! Auch da wird man nicht unbedingt von zu viel Publikum erdrückt. Wunderbar finde ich immer wieder die Ausstellungen im Gropius-Bau. In der Werkschau von Уlafur Elнasson sind wir bestimmt vier Mal gewesen. Die ganze Familie musste rein – und wollte auch. Außerdem war ich ein Fan der Gerhard-Richter-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie.

In früheren Jahrzehnten, bis hin zu Herbert von Karajan, pflegten Dirigenten mürrische alte Herren zu sein. Ihnen dagegen haftet noch mit 58 Jahren etwas Jugendliches an. Sehen Sie sich selber so?
Ich halte es für ein großes Privileg, Anfänger zu sein! Irgendwas wird sich aber trotzdem ansammeln, meinen Sie nicht? Wahr ist, dass Musik jung erhält. Manche sagen sogar, kindisch. Ich bin immer noch neugierig auf alle möglichen Sachen. Ich fühle mich hier nach wie vor wie ein Kind in einem Süßigkeitenladen.

Mit Ihrer Ehefrau, der Sängerin Magdalena Koћenб, haben Sie zwei Söhne. Haben Sie als Musikverführer bei denen Erfolg?
Wie die meisten Profi-Musiker sind wir bei unseren eigenen Kindern eher zu vorsichtig. Wir wollen auf keinen Fall Eiskunstlauf-Mütter oder Fußball-Väter werden! Wir haben zu Hause in Nikolassee ein fünfjähriges Nachbarskind, das mehr klassische Musik hört als unsere beiden. Immerhin: Unser Achtjähriger spielt Klavier. Und der Fünfjährige war in Salzburg vom Cello-Spiel eines Musikers aus Venezuela, also vom El-Sistema-Orchester, so begeistert, dass er jetzt Cello lernen will.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Thomas Rabsch

Matthäus-Passion Philharmonie, Do 17.10., Fr 18.10., Sa 19.10., jeweils 19 Uhr, Karten-Tel. 25 48 89 99

Festkonzert 50 Jahre Philharmonie Philharmonie, So 20.10., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 25 48 89 99

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