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„The Situation“ am Maxim Gorki Theater

Kleine Provokation zum Einstieg: Völkermord ist „eine ganz schlechte Idee“, findet die aufgekratzte Frau mit den wallenden Locken und dem deutsch-englisch-hebräischen Sprachmix. „Es funktioniert, aber man sollte es nicht wieder machen.“ Dass die israelisch-deutsche Schauspielerin Orit Nahmias so entspannt Vor- und Nachteile des Völkermords gegeneinander abwägt, muss daran liegen, dass sie auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters gerade an einem Integrationskurs teilnimmt: „Deutschland in 90 Minuten“. Da ist die taktlose Frage, wie sie als Jüdin zum Holocaust steht, offenbar unvermeidlich. Wir sind in Yael Ronens neuer Inszenierung „The Situation“. Die Regisseurin hat sich darauf spezialisiert, kulturelle, nationale und sexuelle Klischees so rasant aufeinander krachen zu lassen, dass sie sich in die pure Absurdität auflösen.
Dass das über Typen-Comedy hinausgeht, liegt daran, dass man nie ganz sicher sein kann, wie autobiographisch „echt“ die Statements der sechs Performer sind. Maryam Abu Khaled, eine schwarze, palästinensische Schauspielerin, die als Jugendliche im Füchtlingslager Dschenin mit der Schauspielerei angefangen hat, will, genau wie der Palästinenser Yousef Sweid nicht mehr darauf reduziert werden, qua biografischer Kompetenz schauspielerisch den Nahost-Konflikt durchzudeklinieren: „Ich will zeigen, dass wir in diesem Leben mehr Möglichkeiten haben. Unsere Zeit ist begrenzt“, sagt Maryam Abu Khaled. Der aus Syrien geflohene Filmemachers Ayham Majid Agha erzählt völlig sachlich vom Überleben in Syrien. Agha filmt die Detonationen und Massaker, er stellt die Filme auf youtube: „Ich hatte das Gefühl, der einzige Zeuge zu sein, der die Zerstörung dokumentiert.“ Als er sich die Filme später im Exil ansieht, erschrickt er vor dem, was er erlebt hat: „Ich erkannte den Menschen nicht, zu dem ich geworden war.“
Im Antipathos-Stil Ronens sind Neuköllner WG-Alltag und syrischer Bürgerkrieg, Ehekrach und Nahostkonflikt gleich wichtig. Wenn die jüdische Israelin Orit Nahmias und der palästinensische Israeli Yousef Sweid auf der Bühne von ihrer gescheiterten Ehe erzählen und ihre privaten Kräche mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern kurzschließen, entsteht eine hübsch verquere Kombination aus Beziehungs-Boulevard und Polit-Dokumentartheater. Was sich fortsetzt, wenn hinterher beim Premierentratsch kolportiert wird, in Wirklichkeit sei Sweid der Ex-Mann der Regisseurin. Ronens Inszenierung zeigt, wie ihre sechs Darsteller aus Israel, Palästina, Syrien und Deutschland von „der Situation“ und deren Folgen für ihr Leben überfordert sind – wie auch nicht. Und wie sie trotzdem um ein gutes Leben kämpfen.    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Ute Langkafel/ maifoto

Maxim Gorki Theater Karten-Tel.: 20 22 11 15

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