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„Situation Rooms“ im HAU2

Der Blick auf die Welt und andere Menschen verändert sich, wenn man sie durch ein Zielfernrohr oder die Kamera einer Drohne betrachtet. In den „Situation Rooms“ von Rimini Protokoll kann man diesen gespenstischen Perspektivwechsel erleben. Anders als in früheren Rimini-Inszenierungen schaut man diesmal nicht im sicheren Abstand auf die Akteure. Der Zuschauer sieht die Welt – oder zumindest typische Arbeitssituationen der Experten des Waffeneinsatzes – aus deren Augen.
Das erschwert reflexhafte Distanzierung und vollautomatisch ablaufende moralische Wertung und sorgt stattdessen für die unangenehme Erfahrung, sich für einige Minuten in einen Rüstungslobbyisten, einen Bürgerkriegsflüchtling oder einen indischen General und Drohnen-Fan zu verwandeln. ?Wie im Szenario eines Computerspiels agiert der Besucher der Multiplayer-Installation in den Rollen der verschiedenen Experten der Gewaltanwendung. Man bewegt sich durch ihre spezifischen, wie Filmsets nachgebauten „Situation Rooms“, hört ihre Stimme über Kopfhörer und sieht auf dem iPad die Welt, wie sie sie sehen. „Es geht uns darum, eine vielleicht auch irritierende Form von Nähe herzustellen. Das funktioniert, wenn man sich darauf einlässt, wie auf einer Achterbahn-Fahrt, wenn man sich anschnallt und akzeptiert, dass die Entscheidungsfreiheit in den nächsten Minuten eingeschränkt ist“, sagt Daniel Wetzel, einer der Rimini-Regisseure. Das mit der Irritation funktioniert offenbar. In Hamburg hat ein Zuschauer die Aufführung nach zehn Minuten verlassen. Er wollte kein Waffenhändler sein, auch nicht im Spiel.
Das Material der Installation: die Erfahrungswelten und Selbstauskünfte von insgesamt 20 Experten der Gewaltanwendung. Jeder Besucher lernt jeweils zehn von ihnen kennen, zum Beispiel den Auftragsmörder eines mexikanischen Drogenkartells, einen deutschen Polizisten und Sportschützen, einen israelischen Soldaten, einen deutschen Friedensaktivisten, einen Hacker, einen pakistanischen Anwalt, der Drohnen-Opfer vertritt, den Schweizer Manager eines Rüstungskonzerns, einen syrischen Flüchtling, einen afrikanischen Kindersoldaten. Jede der Figuren weist über sich hinaus, es geht um Muster, nicht nur um die Psychologie des Einzelfalls. „Das sind Charaktermasken und Situationsmodelle„, sagt Rimini-Regisseurin Helgard Haug. „Der afrikanische Kindersoldat steht für Zigtausende, die Ähnliches erlebt haben, genauso der israelische Soldat. Der Waffenlobbyist, der sagt, unser Leopard-Panzer ist der beste, steht für eine ganze Branche. Jede dieser Charaktermasken folgt ihrer eigenen Logik.“
Was in diesem Nebeneinander der Gewalt-Erfahrungen in Installationen entsteht, ist ein verwirrendes Patchwork der weltweiten Gewaltsituationen, ohne Erklärungen, mitgelieferte Analysen oder einen Erzähler, der das disparate Material ordnen würde. Zusammengehalten wird diese Real-Montage der Partikel der globalen Gewaltanwendung durch den Raum, die miteinander verbundenen Räume, durch die sich die einzelnen, per Kopfhörer instruierten Besucher bewegen. All diese Geschichten, Menschen, Biografie-Bruchstücke, Schrecken finden unverbunden, aber synchron statt – wie in der Wirklichkeit. Einen „Raum der Globalisierung“ nennt Stefan Kaegi, einer der drei Rimini-Regisseure, die Versuchsanordnung.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Ruhrtriennale / Jörg Baumann

Situation Rooms im HAU2, 14.–23.12.; 27.–30.12.; 2.–11.1.2015, unterschiedliche Anfangszeiten, Anmeldung erforderlich, ?Karten-Tel. 25 90 04 27

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