Theater

„Small Town Boy“ im Maxim Gorki Theater

Smalltown Boy

Am Maxim Gorki Theater versteht man sich auf die Kunst, aufgeregt weit offen stehende Türen einzurennen. In diesem Fall ist es die Tür, auf der steht, dass Schwulenverachtung halbwegs aufgeklärter Zeitgenossen unwürdig und ein bizarres Ressentiment rechtsradikaler Spießer, grenzdebiler Aggrorapper oder russischer Diktatoren ist.
Falk Richter widmet sich bei der Uraufführung seines neuen Stücks „Small Town Boy“ den nicht ganz unkomplizierten Identitätssuchen junger Schwuler und den Szeneschwulen zwischen Sehnsucht nach der Verbindlichkeit einer Beziehung und den Freuden des Nachtlebens. Weil das für zwei Stunden Theater offenbar nicht reicht, muss auch noch die aggressive Homophobie eines Wladimir Putin geohrfeigt werden. Richter kann sich nicht entscheiden, ob er die Comingout-Geschichte aus einer tristen deutschen Vorstadtjugend in „Buchholz in der Nordheide“ erzählen, lieber knalligen Agitprop servieren oder in kleine Beziehungsdramen eintauchen will. Also mixt er alles zu einer losen Szenefolge, die ohne größeres Interesse an ihren Figuren oder Genauigkeit im Ausleuchten der Konfliktlagen auskommt. Es genügt ja, dass man moralisch wie in der Feier der eigenen Gruppenidentität fraglos auf der richtigen Seite steht.
Die mit Schwulen-Ikonen von Fassbinder bis Burroughs, Annie Lennox und Bowie geschmückte Bühne macht klar, worum es hier geht: Die Demonstration der, zumindest in der Umgebung eines Berliner Theaters, jederzeit konsensfähigen künstlerisch-sexuellen Identität. Das Intro sorgt für Ironiesignale. Ein Künstler (Thomas Wodianka) will, dass sein Lover von letzter Nacht aus seinem Liebesleben berichtet („Hattest Du schon viele beschnittene Schwänze?“). Schließlich ist das Intimleben im Zweifel immer Material fürs nächste Kunstprojekt, zum Beispiel für den Theaterabend, der jetzt folgt. Kein Wunder, dass später ein etwas vereinsamter Szenegänger (vorbildlich verstrahlt und ohne Scheu vor Peinlichkeit geschmückt mit späthippiesker Langhaarperücke: Niels Bormann) klagt, dass jeder, den er kennt, „nur noch von dem Projekt redet, zu dem er geworden ist.“ Das ist eines der Lieblingsspiele, die Falk Richter routiniert beherrscht: Die Paradoxien der Kunstproduktion, zum Beispiel die Verwandlung von Leben in Kunst, ihrerseits als Teil der Show auszustellen (was bei aller Geste der Selbstkritik natürlich nicht ganz frei von Eitelkeit ist). Weit persönlicher als solche Fingerübungen der ironischen Selbstreferentialität sind die Passagen, die von pubertärer Provinzeinsamkeit, dem fremden Vater und den von Bronski Beat begleiteten Sehnsuchtsträumen vom Aufbruch ins schwule Großstadtleben erzählen. Aber gerade als das in all den Ambivalenzen, Gefühlswidersprüchen und Hilflosigkeiten interessant werden könnte, switcht Richter wieder ins kabarettnahe Szeneentertainment. Vollends in den irritations- wie erkenntnisfreien Agitprop rutscht der Abend, wenn Wodianka sehr allgemeinplatzhaltige Reden gegen Putin und andere homophobe Clowns hält.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Zwiespältig

Small Town Boy, ?Maxim Gorki Theater, Di 28.1., 19.30 Uhr, Karten-Tel.: 20 22 11 15

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