Theater

Sommer-Highlights: Theater unter freiem Himmel

Amphitryon_ER_5261_c_BerndSchoenbergerEigentlich ja schön, wenn die Ehefrau in höchsten Tönen von den Freuden der vergangenen Nacht schwärmt. Dumm dagegen, wenn der Mann sich an nichts erinnern kann. Weil er zur fraglichen Zeit gar nicht im Schlafgemach anwesend war. So ergeht es dem Krieger Amphitryon. Und er findet das verständlicherweise alles andere als komisch. Obergott Jupiter hat hinterrücks die Gestalt des braven Ehemanns angenommen und dessen Gattin Alkmene beglückt. Im Gegensatz zum Betroffenen hat das Publikum dabei natürlich jede Menge zu lachen. Das Lustspiel um den Seitensprung des geilen Gottes ist ein Klassiker. Und vor allem: ein Renner der diesjährigen Freiluftsaison.

Im Hexenkessel
In der „Amphitryon“-Version des Hexenkessel Hoftheaters trägt Jupiter (Milton Welsh) einen lilafarbenen Dandy-Anzug zum Luden-Schnäuzer und gebärdet sich ungehemmt triebgesteuert. Kein Wunder, dass Göttergattin Juno (Carsta Zimmermann) entnervt stöhnt: „Der Himmel mit dir ist eine einzige Hölle.“ Den Potenzprotz ficht das nicht an. Zusammen mit Kumpel Merkur – Roger Jahnke mit Flügelchen am Kopf und an den Schuhen – steigt Jupiter herab von seiner olympischen Balustrade auf der schönen Holzbühne des Amphitheaters im Monbijoupark, um auf die Pirsch zu gehen. Merkur verwandelt sich in Amphitryons vertrottelten Diener Sosias (Vlad Chiriac mit blonder Wischmopp-Perücke). Und schiebt Wache, während der Chef sich austobt. Derart kraftvoll, dass es Alkmene (Anja Pahl) danach vorkommt, „als sei ein Stier über mich geritten“. Was sie natürlich super findet. Open-Air-Theater, so viel sollte klar sein, ist nicht der Ort für Political Correctness.

Regisseurin Sarah Kohrs inszeniert dieses doppelte Identitätsverwirrspiel (Ausruf Sosias: „Nie war ich icher!“) frei nach Moliиre. Und in bester Tradition des Hexenkessel Hoftheaters. Will heißen: mit viel Tempo, derbem Witz und hautnah am Publikum. Da kann’s schon mal passieren, dass einem unversehens Sosias auf dem Schoß sitzt. Oder der Krieger-Kretin Amphitryon im Lederwams (Matthias Horn) drum bittet, mal eben seinen Gummiknüppel zu halten. Pralle Volkstheater-Fröhlichkeit, die schon immer den Charme des Hexenkessels ausgemacht hat.

Der blüht auch in der zweiten Sommer-Produktion der Truppe: „Volpone oder Der Fuchs“ nach Ben Jonson. Das Stück von 1606 erzählt die Geschichte eines listigen Venezianers, der seinen nahen Tod vortäuscht, um eine Bande von Erbschleichern mit sprechenden Beinamen wie Geier, Rabe oder Krähe gegeneinander auszuspielen. Regisseur Frieder Venus inszeniert diese Fabel von der menschlichen Gier mit einer Badewanne voll Geld als zentralem Bühnenelement, mit einem Slapstick-Ensemble – und mit respektlosem Humor.  Munter wird auch die eigene Hauptzielgruppe verspottet: in Gestalt eines dummdreisten Touristenpärchens, das auf Klosuche durch die Kulissen stapft und sich schließlich mit einem Klappstuhl direkt vor die Bühne pflanzt.

Romeo_und_Julia_10_c_Susanne_Schleyer_autorenarchiv.deShakespeare im Park
Obschon Ben Jonson unterhaltsame Stücke schrieb, blieb er zeitlebens im Schatten jenes Mannes, der auch heute noch der unangefochtene König des Sommertheaters ist: William Shakespeare. Klar, dessen Stücke sind schließlich erwiesenermaßen wetterfest und trotzen auch den nassforschesten Regiebemühungen. Die Spezialisten fürs geistestreue und trotzdem zeitgemäße Elisabethanische Theater werkeln dagegen bei der Shakespeare Company Berlin. Zwar nicht im Globe Theatre. Aus den ambitionierten Plänen des Company-Impresarios Christian Leonard, ein originales Amüsier-Rund in der Hauptstadt zu errichten, ist bis dato ja leider nichts geworden. Dafür ist mit dem Natur-Park Schöneberger Südgelände ein mittlerweile auch schon langjährig bewährtes Spielfeld gefunden worden.

Das Gelände, das vormals der Rangierbahnhof Tempelhof war, besticht durch den Wildwuchscharme der übergrünten Industrie-Relikte. Sätze wie „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang“ haben in diesem Wald-und-Wiesen-Areal jedenfalls einen besonderen Widerhall. Wovon man sich in dieser Saison gut überzeugen kann, denn auf dem Spielplan steht mit „Romeo und Julia“ ein Klassiker der Company. Mehr als sechs wandlungsfähige Schauspieler braucht die Inszenierung von Christian Leonard, der stets auch seine eigenen Shakespeare-Fassungen dichtet, nicht, um die tragische Liebe zwischen dem jungen Montague und der jungen Capulet zu beleben. Rasche Rollenwechsel und Reduktion aufs Wesentliche sind überhaupt ein Markenzeichen der Gruppe. Wovon auch die Kuppelkomödie „Die Zähmung der Widerspenstigen“ zeugt. Und sicher auch die anstehende Premiere im Naturpark: „Richard III.“ als Soloshow (siehe Interview).

Amphitryons_Albtraum_06_c_IngoWoesnerPfeffer im Hintern
Allerdings ist der wirklich unverfälschte, garantiert echte Shakespeare anderswo zu erleben. Auf dem Pfefferberg nämlich. Bei den Woesner Brothers. Die schauspielernden, schreibenden und produzierenden Kulturunternehmer-Brüder haben im hinteren Teil des schönen Biergartens ihr Freilufttheater auf schlichter, aber wirkungsvoller Bretterbühne errichtet. Und erzählen hier „Die wahre Geschichte von Romeo und Julia“ unter dem Titel „Chaos in Verona„. Was viele nämlich nicht wissen: Es gab nie eine Julia. Sondern nur einen Julius. Der trug einen etwas überlebten roten Iro und sollte mit der verwitterten Schachtel Gräfin Pariser verheiratet werden. „Altes Leder bei der Paarung genießt den Vorzug der Erfahrung“, frohlockte Julius’ Papa. Aber der Knabe zog sich aus Verzweiflung rosa Strumpfhosen und Zopfperücke an, um der Vermählung zu entkommen. In diese falsche Frau nun verliebte sich ein junger Mann namens Romeo – kein Lover, sondern ein Loser mit Elvis-Tolle. Was sonst noch geschah, das schildern die Woesner Brothers als krachledern-komödiantische Masken-Travestie der wilden Wortverdrehungen: „Mein Franz ist mächtig willig – ich meine, ein Tanz ist recht und billig.“

Aber es geht noch viel heiterer! In der jüngsten Woesner-Premiere – „Amphitryons Albtraum“ – wird der himmlischen Komödie ungeahnt eingeheizt. Worum’s geht, das wissen wir ja. Aber Alkmene, hier zärtlich Alki genannt, hat man noch nie so liebesverzückt gesehen. Powackelnd, auf allen Vieren, mäht die Blonde vor Lust wie ein Schaf. Danach singt sie mit ihrem Sex-Gott ein viehisches Duett aus Miau, Wau und Kikeriki. So was erlebt man wirklich nur im Sommertheater! Der Reim des Abends gehört dem gehörnten Titelhelden: „Ach, hätten doch die Götter die Frauen nie erschaffen! Denn allzu oft macht sich der Mann um ihretwillen zum Affen.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: 2012 Susanne Schleyer / autorenarchiv.de (Mitte); Bernd Schönberger (oben); Ingos Woesner 

Hexenkessel Hoftheater Monbijoustraße 2, Mitte, Karten-Tel. 288 86 69 99, www.amphitheater-berlin.de

Programm:
Amphitryon: bis 31.8., Di–Sa, 19.30 Uhr; Volpone: bis 31.8., Di–Sa, 21.30 Uhr

Shakespeare Company Berlin Natur-Park Schöneberger Südgelände, Prellerweg 35, ­Schöneberg, Karten-Tel. 21 75 30 35,
www.shakespeare-company.de

Programm:
Die Zähmung der Widerspenstigen: 17.–20.7., 20 Uhr (Sa 19 Uhr); Romeo und Julia: 24.–27.7., 20 Uhr (Sa 19 Uhr); Richard III: 31.7., 20 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen im August

Woesner Brothers Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176, Prenzlauer Berg, Karten-Tel. 44 35 48 70, www.woesner-brothers.de

Programm:
Amphitryons Albtraum: 17.–20.7., 24., 26.+30.7., 20 Uhr; Chaos in Verona: 23., 25., 27.+31.7., 20 Uhr, weitere ­Vorstellungen im August

 

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