Theater

Sönke Wortmann über „Frau Müller muss weg“

SoenkeWortmann_c_BenjaminPritzkuleitIn Lutz Hübners Stück „Frau Müller muss weg“ geht es um einen Elternabend an einer Grundschule, der etwas eskaliert. Sie haben selbst drei Kinder – kennen Sie solche Elternabende, in denen sich die Konflikte zwischen Eltern und Lehrern heftig entladen?
Nicht in dem Maße wie in diesem Theaterstück. Das ist eine Komödie, da muss man auch zuspitzen. Aber das Prinzip, dass Eltern versuchen, auf die unterschiedlichsten Weisen das Beste für ihr Kind rauszuholen, auch auf Elternabenden, das kenne ich natürlich. Wahrscheinlich mache ich das ja auch. Eltern beurteilen ihr Kind naturgemäß anders, als Lehrer das tun. Ich glaube schon, dass wir das bei unseren Kindern halbwegs realistisch sehen, aber das glauben wahrscheinlich alle Eltern. Wir haben das Glück, dass wir im Unterschied zu den Eltern im Stück an der Schule, an der unsere Kinder sind, der Klassenlehrerin vertrauen.

Im Kern geht es in Lutz Hübners Zeitkomödie um die soziale Selektion, die sehr früh einsetzt: Die Eltern haben Angst, dass ihre Grundschulkinder von der Schule keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen.
Bei unseren Zwillingen ist das noch nicht so weit, diese Gespräche mit den Lehrern stehen mir im Herbst bevor. In Nordrhein-Westfalen ist das in der vierten Klasse, in Berlin zwei Jahre später. Aber ich bin da relativ locker. Ich finde, dass meine Kinder nicht unbedingt aufs Gymnasium gepresst werden müssen. Ich sehe es ähnlich wie die Lehrerin im Stück: Lieber glücklich auf der Realschule, als unglücklich auf dem Gymnasium.

Sie sind in einer anderen Situation als die zum Teil arbeitslosen Eltern im Theaterstück: Notfalls könnten Sie als kommerziell nicht ganz erfolgloser Filmregisseur Ihre Kinder vermutlich auch auf eine Privatschule schicken. Ist das eine Option?
Das will ich eigentlich nicht. Erstens wäre es mühsam, das finanziell irgendwie zu stemmen, ganz billig ist das ja nicht. Und zweitens hätte ich auch einfach aus Prinzip meine Kinder lieber auf einer öffentlichen als auf einer privaten Schule. Es gefällt mir nicht so sehr, wenn Eltern mit Geld ihren Kindern eine bessere Schulbildung kaufen können als Eltern ohne Geld. Das muss man ja nicht unbedingt unterstützen. Ich wäre auch nicht sicher, ob eine private Schule wirklich besser ist als eine gut geführte öffentliche Schule.

Wie kommt ein Filmregisseur wie Sie an das kleine Grips-Theater, wo die Gagen deutlich kleiner sind als bei einer Filmproduktion?
Das ist nicht meine erste Arbeit am Theater, ich habe am Düsseldorfer Schauspielhaus vor einiger Zeit zwei Stücke inszeniert.  Es ist eine andere Arbeit als beim Film, aber es gibt einen großen gemeinsamen Nenner, das ist die Arbeit mit den Schauspielern. Beim Drehen geht es um den einen Augenblick, der stimmen muss. Und wenn der gedreht ist, hat man den, und der Schauspieler muss nie wieder drüber nachdenken. Im Theater muss das immer wieder, jeden Abend funktionieren. Deswegen muss man mehr und intensiver und bis ins kleinste Detail proben, das macht die Proben spannend. Insofern komme ich mir gerade vor wie im Trainingslager.

Und weshalb gerade das Grips-Theater?
Die haben mich gefragt und damit bei mir offene Türen eingerannt. Ich bin ein großer Fan dieses Hauses, schon immer gewesen. Ich habe großen Respekt vor der Lebensleistung von Volker Ludwig, ich mag die ganze Haltung. Dass ich jetzt hier arbeiten darf, macht mich stolz, auch wenn das vielleicht komisch klingt. An der Gage liegt es ganz sicher nicht. Der andere Grund war das Stück von Lutz Hübner mit seinen wunderbaren Dialogen. Das Grips Theater hat mir einfach das Stück geschickt und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das zu inszenieren. Das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Was reizt Sie so an dem Stück?
Es ist einfach eine intelligente Komödie. Ich mag die Figurenkonstellation, die Lehrerin Frau Müller und die aufgebrachten oder verunsicherten Eltern, und vor allem interessiert mich das Thema, also Bildung und Schule. Dazu finden in der Politik große Diskussionen statt. Schon die Frage, wie Iange alle Kinder gemeinsam in eine Schule gehen sollen – bis zur 4. Klasse wie in NRW, oder bis zur 6. wie in Berlin – ist unter den Fachleuten und den Politikern schwer umstritten. Eltern und Lehrer treffen in diesem Spannungsfeld aufeinander.

SoenkeWortmann_c_BenjaminPritzkuleitDas Stück erzählt auch von der Angst, den Erfolgs- und Konkurrenzdruck, den die Eltern an ihre Kinder weitergeben. Da wird der Kampf um die Gymnasialempfehlung schnell zum Existenzkampf.
Dieser Druck ist aus meiner Sicht natürlich nicht besonders hilfreich. Die Frage ist auch immer, wieviel an Zeit ist man bereit für die eigenen Kinder zu investieren, überlässt man alles komplett der Schule, kann Schule alles auffangen? Dass die Schulen auch überfordert sind, hat teilweise viel mit dem beruflichen Stress der Eltern zu tun. Hübners Stück zeigt ein Potpourrie aus lauter unterschiedlichen Eltern. Wolf ist Ostler, arbeitslos, und kümmert sich übermäßig um den Schulerfolg seiner Tochter, er meint es gut, aber er setzt dabei seine Tochter unter einen Dauerstress. Die Verwaltungsangestellte Jessica will die Schulkarriere ihrer Tochter regelrecht managen. Die Mutter der Klassenbesten, Katja, ist Museumspädagogin. Dann gib es das Elternpaar, das neu an der Schule und in der Stadt ist, zugezogen aus Westdeutschland …

… und die Mutter mag den Osten nicht besonders. Die Uraufführung war in Dresden, da funktionierten die ganzen Ost-West-Anspielungen im Stück. Wo siedeln Sie Ihre Inszenierung an?
Bei uns spielt das natürlich in Berlin, es fällt mal das Wort Köpenick. Auch in Berlin treffen ja Ost- und Westdeutsche aufeinander. Was Lutz Hübner schreibt, kommt auch da aus seinen Beobachtungen.

Haben Sie im Vorfeld der Inszenierung mit Lehrern gesprochen?
Ich habe viel gelesen, mich mit Lehrern unserer Schule unterhalten, und gemerkt, dass man mit dem Thema offene Türen einrennt. Wir haben in der letzten Woche hier am Theater einen Themenabend gehabt, bei dem wir etwa 80 Grundschullehrern die erste Viertelstunde des Stücks gezeigt haben, das war hinterher eine wirklich spannende Diskussion. Die Konflikte, die wir im Stück behandeln, kennen sie aus ihrer Arbeit. Was wir zeigen, haben die nicht als klischeehaft, sondern als absolut realistisch empfunden. Ich habe gefragt, ob unsere Frau Müller, die Lehrerin, nicht zu hart gezeichnet wäre, das fanden die Lehrer überhaupt nicht. Sie meinten, sie wären teilweise auch gezwungen, gegenüber den Eltern so hart aufzutreten, ein Teil der Elternschaft würde immer unverschämter und drohe auch gerne mal mit dem Anwalt. Im Stück sagt die Lehrerin einmal, sie sei Angestellte im öffentlichen Dienst und nicht das Dienstmädchen der Eltern, auch wenn die ab und so auftreten. Das kam vielen Lehrern sehr  vertraut vor. Das zu sehen, war für die Lehrer fast ein kathartisches Erlebnis, sie fühlten sich mit ihren Problemen ernst genommen. Es gab auch den Vorschlag, dass sich Lehrer und Eltern oder Elternvertreter das Stück gemeinsam ansehen. Es würde mich natürlich sehr freuen, wenn unsere Aufführung dazu beitragen kann, dass Eltern und Lehrer besser miteinander ins Gespräch kommen. Das Stück bietet ja keine einfachen Lösungen an, die kann es auch nicht geben. Der einzige Weg kann nur daraus bestehen, den anderen auf Augenhöhe ernst zu nehmen, und ihn oder sie nicht nur als nervendes Problem zu sehen.

Sie sind jetzt 52. War das früher, in Ihrer Kindheit, unkomplizierter?
Ich glaube schon. Ich glaube, meine Eltern mussten einmal im Jahr zu einem Elternabend, und das war es. Man hatte mehr das Gefühl, das läuft schon irgendwie.

Letzte Frage: Was macht das Filmgeschäft?
Ich habe nach langer Zeit mal wieder eine Komödie gedreht. „Das Hochzeitsvideo“ kommt Ende April ins Kino. Es geht um eine Hochzeit, und weil es eine Komödie ist, geht natürlich eine Menge schief. 

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Benjamin Pritzkuleit


Termine: Frau Müller muss weg

Grips Theater,
z.B. am Sa 4., Di 7., Fr 24., Sa 25.2., 19.30 Uhr, So 5.2., 18 Uhr,  
Karten-Tel. 39 74 74 77

Verlosung: 5 x 2 Tickets für  den 7.2.
Mail bis 6.2. an [email protected],
Kennwort: Frau Müller muss weg

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