Theater

Sophia Simitzis über „El Cimarrуn“

sophiatip: Sie inszenieren ein Werk Hans Werner Henzes, das die Lebensgeschichte eines entlaufenen kubanischen Sklaven erzählt. Wie kam Henze auf dieses für Musiktheater ungewöhnliche Thema?

Simitzis: Hans Werner Henze war 1969 und 1970 auf Kuba. Man erzählte ihm von Esteban Montejo, der damals über 100 Jahre alt war. Miguel Barnet, ein kubanischer Ethnologe, hatte sich von Esteban Montejo seine Lebensgeschichte erzählen lassen, er hat sie in einem Buch dokumentiert. Dieses Buch geriet Henze in die Hände, er hat Montejo kennengelernt und war offenbar von ihm fasziniert. Henze hat beschlossen, Barnets Buch über das Leben des früheren Sklaven als Stoff für eine Musiktheaterkomposition zu verwenden. Das Buch war die Grundlage für das Libretto, das Hans Magnus Enzensberger, der damals auch auf Kuba lebte, für Henze geschrieben hat.

tip: Was hat Henze so fasziniert, was interessiert Sie an Esteban Montejo?

Simitzis: Sein Leben ist unglaublich. Er wurde etwa 1860 auf Kuba als Sklave geboren, mit acht oder zehn Jahren ist er in den Wald geflohen und hat dort versteckt seine gesamte Jugend verbracht. Als er Mitte 20 war, wurde die Sklaverei abgeschafft, er ist aus dem Wald zurück in die menschliche Gesellschaft gegangen. Aber auch ohne Sklaverei wurde er weiter ausgebeutet, die Arbeit war genauso hart. Er hat den technischen Fortschritt in der Zuckerrohr-Industrie erlebt, aber am Leben der Arbeiter, an seinen eigenen Leben hat sich wenig geändert. Er hat in einer berühmten Schlacht 1895 gegen die spanischen Besatzer für die Unabhängigkeit Kubas gekämpft. Nach der Unabhängigkeit und der Befreiung von der spanischen Kolonialmacht kamen die Yankees – und wieder hat sich eigentlich nichts geändert. Er arbeitet wieder auf den Zuckerrohrfeldern und lebt alleine in seiner Hütte. Und trotz allem war er am Ende seines Lebens ein innerlich freier Mann.   

tip: Montejo war im Castro-Kuba dieser Jahre eine öffentliche Person, er saß bei Militärparaden neben der Staatsführung auf der Ehrentribüne. War Montejo Kommunist?

Simitzis: Ich glaube eher, dass er ein sehr freier, absolut unabhängiger Mensch war, kein politischer Ideologe. In Barnets Buch spricht er immer wieder vom Wald als dem idealen Ort der Freiheit, ein Ort, an dem man alleine ist. Ein Satz von Montejo, der auch im Libretto steht, lautet: „Es war, als wäre die Welt rückwärts gegangen.“ An einer anderen Stelle heißt es: „Über den Menschen sind die Götter. Ich weiß, dass sie fliegen können. Alles, wozu sie Lust haben, bringen sie fertig durch Zauberei. Warum haben sie nichts gegen die Sklaverei getan?“

tip: Es gibt die etwas kitschige europäische Projektion des edlen Wilden. Schwingt das auch mit, wenn zwei moderne, damals sehr linke europäische Intellektuelle, Henze und Enzensberger, sich auf Kuba für den greisen Montejo, einen Mann aus einer anderen Zeit und einer scheinbar archaischen Kultur, begeistern?

SophiaSimitzis: Wenn man den Text liest, würde man denken, dass das eine Art Agitprop-Stück ist, das hat Henze selbst auch einmal über das Stück gesagt. „Es schwebt mir ein leicht transportables Straßentheater vor, Agitprop sozusagen, aber immer nur indirekt auf Tagesgeschehen bezogen“, schreibt er über die Arbeit an dem Stück. Aber ich glaube, dass die Musik viel reicher ist, zum Glück. Wenn man die Musik hört, ist sie viel raffinierter, vielschichtiger, theatraler, auch zeitloser als das Libretto.

tip: Vielleicht war der Komponist Henze weiter als der damalige Kommunist Henze. Was einen schönen Satz von Heiner Müller bestätigt: „Das Werk ist klüger als der Autor.“

Simitzis: Jedenfalls würde ich nicht sagen, dass das ein eindeutiges Revolutionsstück ist, ein politisches Manifest, das einfach die kubanische Revolution feiert. Für mich ist der Kern dieser merkwürdige Satz Montejos aus dem Libretto: „Es war, als wäre die Welt rückwärts gegangen.“ Trotz Befreiung von den Spaniern, der Befreiung von der Sklaverei, Castros Revolution hat sich eigentlich nicht viel geändert.

tip: Henzes Musiktheater-Komposition ist keine Oper, sie hat auch keine normale Opernbesetzung. Was ist das für eine Musik?

Simitzis: Es ist ein Rezital, eine Erzählung für drei Instrumentalisten, Flöte, Gitarre, Schlagzeug und einen Sänger. Sie erzählen zusammen die Geschichte des Cimarrуn. Die drei In­strumentalisten sind nicht nur die Begleitung, alle vier sind der Cimarrуn. Die Musik ist zum Teil klassisch durchkomponiert, aber es gibt auch Passagen, in denen nur bestimmte Paramater festgelegt sind, etwa die Tonhöhe, aber das Tempo wird dann von den Musiker in der Aufführung bestimmt. Es gibt Passagen der freien Improvisation. Die Musiker müssen eine eigene Haltung zu diesem Stück haben – es ist eine sehr freie Form des Musikmachens. Henze hat auch musikalische Recherchen auf Kuba unternommen, er hat kubanische Musik aufgenommen, afrikanische Rhythmen, Revolutionslieder. Das kommt in unterschiedlichster Form in seiner Musik für „El Cimarrуn“ vor, als Zitat, umgeformt, eingewoben in seine Musik. Wenn man Fotos der Musiker der Urauführung sieht, denkt man, dass die damals auch ­einen unglaublichen Spaß gehabt haben müssen.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

El Cimarrуn Staatsoper im Schiller Theater – Werkstatt, 18., 24., 27.2., 1., 4.3., 20 Uhr

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