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Spielzeitauftakt: „Demetrius/Hieron. Vollkommene Welt“ im Deutschen Theater

Da steht sie nun in Feinrippunterwäsche an der Rampe, die gehirngewaschene Familie. Während die Mutter (Judith Hofmann) die Weihnachtsente verteilt, die hier – kleiner Regie-Gag – aus farbenfroher eingeschweißter Kaubonbonmasse besteht, und der Vater (Michael Goldberg) unglücklich dreinschaut, lädt die Tochter (Olivia Gräser) den Rest der Sippe fröhlich zu ihrer bevorstehenden Hinrichtung ein. „Die Produktivität ist wichtiger als das Leben„, strahlt sie nicht nur ein Mal. Denn die schlichte Arbeitsdiktatur, die sich der junge Dramatiker Mario Salazar unter dem Motto „Hieron. Vollkommene Welt“ für die Saisoneröffnung am Deutschen Theater ausgedacht hat, zeichnet sich vor allem durch enorme Phrasen- und Plakativitätsdichte aus: Wessen Arbeitskraft überflüssig geworden ist, der schreitet gut gelaunt zur eigenen Entsorgung. Und wem dieses kleine Stückchen Glück nicht beschieden ist im großen produktivitätsdiktatorischen Unglücksuniversum (in dem übrigens – wer hätte es gedacht – striktes Rede- und Berührungsverbot herrscht), der muss 364 Tage im Jahr malochen, um dann am freien Weihnachtsfest für den kunstvoll verfetteten, gehbehinderten Latexgesichtsmasken-Diktatorengreis Hieron (Felix Goeser) extradümmliche Familienfotos zu schießen.
Sagen wir mal so: Dass das Werk eines Nachwuchsautors hinter den Erwartungen zurückbleibt, passiert allenthalben und ist im Grunde kein Drama. Aber wenn ein Haus wie das Deutsche Theater dieses Textlein dann – zumal an derart exponierter Spielplanposition – nicht nur routiniert vertheatert, sondern ihm unter dem üppig beworbenen Spielzeitmotto „Demokratie und Krieg“ sogar noch ein Dramenfragment von Friedrich Schiller gegenüberstellt, wächst sich das Ganze zum Ärgernis aus. Nach der Pause also Aufstieg und Fall des Schiller’schen „Demetrius“, der sich für den Zarensohn hält und schließlich erkennt, dass er nur als Werkzeug benutzt wurde. Das Versprechen, durch die Salazar-Schiller-Kombi zeitenübergreifend Machtstrukturen zu beleuchten, löst der Abend nicht ein. Regisseur Stephan Kimmig, von dem wir ja wissen, dass er eigentlich was kann, inszeniert den Saisonauftakt mit viel Rampensteherei, diversen Kunstbluteimern und videotechnisch auf Gaze-Vorhänge projizierten Pokerfaces konsequent kontur- und ideenarm.

Text: Christine Wahl

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Ärgerlich

Demetrius/ Hieron. Vollkommene Welt, ?Deutsches Theater, Fr 13., Do 26.9., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 25

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