Kultur

Spielzeitbeginn im HAU

Spielzeitbeginn im HAU

Wo das Private aufhört und das Öffentliche beginnt, oder umgekehrt, ist schwer zu sagen. Es reicht ja schon, wenn man Menschen in der U-Bahn ihren Beziehungsmurks ins Mobiltelefon brüllen hört. „Diese unklaren Trennlinien verwirren uns“, sagt die HAU-Intendantin Annemie Vanackere. Das HAU-Festival „Treffpunkte“ will jetzt das Verhältnis von privat und publik mit Performances und Installationen im Stadtraum ein bisschen genauer ausleuchten.
Der Niederländer Dries Verhoeven wird zwei Wochen lang in einem gläsernen Lkw-Trailer am Heinrichplatz campieren und mit der Außenwelt nur über Dating-Apps kommunizieren. Seine Arbeit „Wanna Play?“ widmet sich vor allem den elektronischen Kontaktbörsen der schwulen Community. Die zeigen auf dem Handy-Display, nach geografischer Entfernung sortiert, alle potenziellen Chat- oder Sex-Partner an. Verhoeven sucht aber nicht die schnelle Nummer. Sondern lädt übers Smartphone beispielsweise zum Schachspielen oder Pfannekuchenbacken ein. Ihn interessiert, „ob es nicht ein Verlust ist, wenn das Flirting und Dating aus der physischen in die digitale Welt verschwindet“, so Vanackere. Nach dem Kämpfen der Schwulenbewegung in den 70er- und 80er-Jahren um Sichtbarkeit sieht der Niederländer eine neue Heimlichkeit aufziehen. Die Verlagerung schwulen Lebens und Liebens ins stille elektronische Kämmerlein.
Der Brite Phil Collins interessiert sich für diejenigen, die in der Öffentlichkeit unsichtbar bleiben. An denen man nur kurz vorbeiguckt, wenn sie die “ motz“ anpreisen. In Zusammenarbeit mit einer Kölner Obdachlosenhilfe hat Collins ein Telefon aufgestellt, mit dem die Wohnungslosen kostenlos Verwandte, Freunde oder wen auch immer anrufen konnten.
„Die Gespräche hat Collins aufgezeichnet und anonymisiert an Musiker wie Scritti Politti oder Julia Hummer geschickt, die daraus Songs gebastelt haben. Sowohl die Telefonate als auch der daraus entstandene Obdachlosenpop werden im HAU in Hörkabinen zugänglich gemacht. Erlebbar wird“ die poetische Kraft von Stimmen, die wir normalerweise nicht vernehmen“ , so Vanackere. Die Künstlerin Sarah Vanhee geht an Orte, die weder öffentlich noch privat sind. In Krankenhäusern, Schulen, Redaktionen, Vereinen oder Vorstandsetagen hält sie einen vorbereiteten Vortrag. Und verschwindet wieder. Ganz ohne PowerPoint oder sonstige Mätzchen. Die Aktion („Lecture For Every One“) zielt auf die Frage, welche Rollen wir ausblenden, wenn wir uns versammeln und Gemeinschaftswesen werden. Tickets kann man dafür nicht buchen. Das Konzept sieht eine gewisse Spontaneität und den Überraschungsmoment vor. Die Belgierin stellt ihre „Lecture“  allerdings öffentlich im HAU vor.

Text:
Patrick Wildermann

Foto: Graham Clayton-Chance   

Sarah Vanhee: ?Lecture For Every One, wechselnde Orte, 1.–14.10., Opening Session, HAU3, Mi 1.10., 19 Uhr, Closing Session: HAU2, Di 14.10., 20 Uhr

Dries Verhoeven: Wanna Play? – Liebe in Zeiten von Grindr, Heinrichplatz, 1.–15.10.; The Coming Out: HAU1, Mi 15.10.,  ?Moderation: Martin Reichert

Phil Collins:? my heart’s in my hand, and my hand is pierced, and my hand’s in the bag, and the bag is shut, and my heart is caught
HAU2-Foyer, 1.–26.10., täglich 16–19 Uhr, zusätzlich 1 Stunde vor und nach Vorstellungen im HAU2 im Rahmen von Treffpunkte; Phil Collins – Artist Talk, HAU2, So 26.10., 20 Uhr

Lutz Henke, Yukihiro Taguchi, Raul Walch: FUTURE LIVING lab, Stadtraum, 2.–12.10.; ?HAU2 (Open Air), 13.–26.10.

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