Theater

spielzeit\europa: Zwischenfälle

Zwischenfaelle_c_Bernd_UhligEin Orchester tritt auf. Kein Panikorchester, eher ein bedeutungsschwerer Musikverein, dirigiert von dem Schauspieler Hans-Michael Rehberg, ihm als Solist zur Seite sein Kollege Peter Simonischek. Bei dem Werk, das zum Vortrag kommen soll, scheint es sich um ein Konzert für zwei Klanghölzer zu handeln, die Simonischek mit großer Konzentration und feierlichem Ernst ganz offenbar meisterhaft zum Einsatz bringt. Ganz hinten entringt Udo Samel ab und an seiner Tuba einen dumpfen Ton, augenscheinlich genau auf den Punkt, denn Rehberg legt sich mit Maestro-Geste ins Zeug, beginnt zu hüpfen, wenn sein Genie ihn packt, bedankt sich am Ende überschwänglich beim Solisten und dem Orchester. Unter diesen Gesten des Grandiosen ist die Kunst, von den Künstlern unbemerkt, baden gegangen. Denn das Meisterwerk sind die Meister selber.

Diese herrliche Parodie gehört zu den Improvisationen, die die Regisseurin Andrea Breth ihrem Abend über „Zwischenfälle“ beifügt, der ansonsten Minidramen der Franzosen Pierre Henri Cami und Georges Courteline und des russischen Autors Daniil Charms zu einem riesigen Theaterfest zusammenfügt. Es sind Texte voll schwarzen Humors, farcenhaft, surreal oder bereits Vorspiele absurden Theaters. Diese scheinbaren Petitessen wurden schon zu Lebzeiten der Autoren als Schwergewichte erkannt. Cami machten sie zu einem Lieblingsautor Charly Chaplins, Charms dagegen kostete sein Kampf gegen alles angeblich Solide das Leben, denn er verhungerte, von der stalinistischen Zensur verfolgt, in einem Leningrader Gefängnis.
Andrea Breth stellt uns das Leben an diesem Abend in Charms’ Sinn als Zwischenfall vor und das Lachen nicht nur als befreiend, sondern als letztendliche Konsequenz. In der Regel scheitern wir nicht im großen Stil; Nichtigkeiten pflastern unseren Weg mit Stolpersteinen, denn schräg ist die Welt und ein rechter Unfug. Genauso wie das Telefonat, das eigentlich nur aus „Hallo“ und „I don’t know“ besteht. Elisabeth Orth führt es wie eine schwarze Witwe mit weißem Bubikopf und steigert sich in einen wahren Furor der Teilnahmslosigkeit. Im Grunde sind alle diese Figuren auf der Bühne Marionetten des Unsinns. So wie Rehberg neben einer kleinen Tanzpuppe deren Bewegungen nachzumachen versucht. Ein Ehepaar liegt in einem Bett, das senkrecht oben an der Wand hängt, was das Paar als völlig normal empfindet, denn was heißt das schon, angesichts der Schiefe der Ekliptik.

Zwischenfaelle_c_Bernd_UhligKaum zu fassen, wie der Schauspieler Markus Meyer einen Ballettsolisten vortanzt und ausstellt. Diese eiskalten Schmachtposen. Wie ihm die Choreographie den Körper verbiegt. Dieses Artistische der Marionetten, Beineschmeißen, Blickewerfen. Diesem Mann ist das Pathos der Indianerhäuptlinge in seinen Körper gefahren.
Martin Zehetgrubers Bühne zeigt braune Räume, mal als engen Flur mit mehreren Türen, Hotel oder Amt, mal groß wie ein Chef­büro, mal mit einem riesigen Loch, einer Art Kollateralschaden unserer vergeblichen Bemühungen. Dieses Mauerloch wird zugleich zu einer kleinen Bühne, auf der zum Beispiel ein Mann in Slow Motion zu Boden stürzt, kommentiert von katastrophensüchtigen Nachbarn.

Neben der absurden Komik gibt es auch ganz anrührende Momente. Einmal herzt Rehberg ein altes Kofferradio, aus dem der Wetterbericht kommt, wie eine ersehnte Geliebte. Oder fast sketchhafte Szenen: Simonischek und Rehberg beim Italiener. Ein uralter Greis hängt seinen Kopf über einen Spaghetti-Teller und versucht sich ein paar Nudeln einzufädeln. Daneben einer mit den „Alles klar“-Gesten des Geschäftsmannes. So wenig wie der Greis hören wir, was er eigentlich sagt. Irgendwann reicht es dem kraftlosen Alten, der sich einen großen Nudelklumpen in den Mund schiebt und erstickt. Er hat wohl erkannt, dem Gerede der Welt gehöre das Maul gestopft. Diese Szenen gelingen so hervorragend, weil Andrea Breth nie die schnelle Pointe sucht.
Kostümbildnerin Moidele Bickel zeigt eine ziemlich erotisch aufgebrezelte Damenwelt, die sich gegenseitig ins Hinterteil beißt. Aber auch wenn Peter Simonischek, ein Mann wie ein Baum, und der kleine kugelrunde Udo Samel miteinander tanzen – welch herrlicher Zwischenfall, wie schön es sein kann, das Nichtsolide. Es ist ein wunderbarer Theaterabend, der im Februar 2011 am Wiener Burgtheater Premiere hatte, ein herrlicher Zwischenfall, dessen dreieinhalb Stunden nie lang werden. 

Text: Helmut Schödel
Fotos: Bernd Uhlig


Zwischenfälle
Haus der Berliner Festspiele,
9.–11.1., 20 Uhr, 12.1., 19 Uhr, Karten: 25 48 91 00

 

THEATERKRITIKEN IN DER ÜBERSICHT

BÜHNEN-VORSCHAU 2012

Mehr über Cookies erfahren