Theater

Staatsoper im Heizkraftwerk Mitte

Noch sitzen keine Musiker im Orchestergraben, stattdessen steht dort ein kleiner Kran. Was am Tag der Premiere eine Opernbühne sein wird, ist noch eine Baustelle im alten Heizkraftwerks Mitte, eine Industrieruine aus den 1960ern. Bühne und Zuschauertribüne befinden sich dabei auf einer in etwa acht Metern Höhe neu installierten Zwischenebene.
Für die Berliner Premiere von Luigi Nonos sozialistischen Oper „Al gran sole carico d’amore“, die in dieser Inszenierung mit großem Erfolg 2009 bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wurde, ist die Staatsoper Untermieter im Heizkraftwerk?– und damit direkter Nachbar des Techno-Clubs Tresor im gleichen Gebäude. „Die alte Dame Unter den Linden hat wieder Tempo aufgenommen“, sagt Jürgen Flimm, der Intendant der Staatsoper.

Bei samstäglichen Proben Anfang Februar wummerten noch gegen Mittag die letzten Partygeräusche aus dem Tresor. Luigi Nono hätte diese kleine Intervention alltäglicher „industrieller Musik“ vermutlich Spaß gemacht. Die Stahltreppe, die von der Zwischen­ebene in die in dem Gebäude errichtete Kantine mit improvisierter Wohnzimmeratmosphäre hinabführt, hat der Tresor gespendet. Die Gemütlichkeit der Sofas mitten in der Industrieruine täuscht nicht über den logistischen Aufwand hinweg, den es bedeutet, die Opern-Großproduktion in den wuchtigen Industriebau zu versetzen, der für alles mögliche, aber sicher nicht für Opernaufführungen gebaut ist.Ein Jahr Vorplanung war notwendig. Ein geeignetes Gebäude für die Aufführung musste erst einmal gefunden werden. Hans Hoffmann, der technische Direktor der Staatsoper, wurde dabei zum Scout: Zunächst wollte man in einen Hangar des ehemaligen Flughafen Tempelhof ziehen, dieser war aber schon Domizil der Modemesse Bread & Butter. Die Wahl fiel schließlich auf das Industriedenkmal, auch aus inhaltlichen Gründen. Schließlich ist Nonos Oper als eine Art Requiem auf die in den 1970ern langsam verblühenden Hoffnungen auf  sozialistische Revolutionen interpretierbar.

Die Kosten des Großprojekts bleiben halbwegs überschaubar, betont Jürgen Flimm: „Die Kosten sind die einer normalen Produktion zuzüglich die für die Installation. Was wir vom Hauptstadtkulturfonds und den Freunden und Förderern der Staatsoper bekommen haben, entspricht dem, was uns die Installation kostet. Das andere sind die normalen Kosten. Die sind relativ hoch. Die wichtige Video-Ebene und die akustischen Erfordernisse machen einen großen Produktionsapparat notwendig. Aber eine große Verdi-Oper zu zeigen, kostet ähnliche Beträge. Da haben Sie nur nicht die ganzen Installationsbedingungen eines solchen Spielortes.“ Um diesen Spielort zu schaffen, wurden 25 Sattelschlepper Material angefahren, hauptsächlich für den Aufbau der für etwa 970 Menschen konzipierten Zuschauertribüne, ungefähr das Volumen des Schillertheaters, wo die Staatsoper derzeit normalerweise residiert. Sämtliche Voraussetzungen für die Bühnentechnik mussten neu geschaffen werden, viele Kilometer Kabel mussten verlegt, die Stromversorgung gesichert und nicht zuletzt auch (ironischerweise) im ehemaligen Heizkraftwerk Heizaggregate installiert und akustisch abgedämmt werden.
„Grundsätzlich handelt es sich bei dem Gebäude um einen hohlen Vogel, in den wir ein Opernhaus hineinbauen“, sagt Hans Hoffmann, der technische Direktor. Und im Prinzip ein kleines Dorf mit Garderoben, Kantine, Einspielzimmern, Schaltzentrale und Heizungsanlage drumherum. Hoffmann spricht auch davon, was die Arbeit im Kraftwerk für seine Leute bedeutet: „Für die technische Crew ist das umwerfend. Wir sind alle total begeistert und würden am liebsten noch mal für eine Oper hier hin kommen. Durch die besondere Herausforderung sind Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Abteilungen – Requisite, Ton, Beleuchtung, Bühnentechnik – noch weiter zusammengerückt.“

Der „hohle Vogel“ hat übrigens Ausmaße von 95 Meter Länge, 60 Meter Breite und 28?Meter Höhe, ein riesiger Raum also, den es,  so Hoffmann, „akustisch zu ertüchtigen“ gilt. Eine akribische Konzeption der Akustik wurde schon deshalb notwendig, weil man die Betonwände und Säulen des Gebäudes nicht einfach mit Stoffen abhängen, sondern als wesentliches Element des Raumes speziell ausgeleuchtet gerade sichtbar machen  wollte. Natürlich nimmt der Kraftwerksraum auch auf das Regiekonzept Einfluss. „Architektur und das Raumgefühl sind hier sehr, sehr anders als in der Salzburger Felsenreitschule. Wir müssen also den Raum neu organisieren“, sagt Regisseurin Katie Mitchell.
Das Zentrum ihrer Inszenierung der Oper bildet eine Videoinstallation. Das Bühnenbild besteht aus fünf Räumen eines Apartments, die gleichsam auch kleine Fernsehstudios sind. Was in ihnen jeweils geschieht, wird live auf eine große, über der Bühne hängende Leinwand projiziert.

Eine klare Konzeptualisierung ist notwendig, denn Nonos Oper hat im klassischen Sinne weder Handlung noch Protagonisten. Sie ist eine vertonte Textcollage – Lyrik von Cesare Pavese, Brechts Dramatisierung von Gorkis Roman „Die Mutter“ und vieles andere mehr. Thematisch geht es um Frauenschicksale in revolutionären Situationen von der Pariser Commune über Moskau 1905 bis Che Guevara und seine Gefährtin Tania Bunke. Mitchell: „Man sieht fünf Fragmente von Filmen über fünf Frauen, die live gedreht werden, zugleich sieht man Fragmente des fertigen Films. Technisch ist das schwierig, weil wir sehr schnell schneiden, in einigen Sequenzen alle sieben Sekunden. Dennoch ist das ziemlich geradlinig. Es gibt fünf Kameras, und zwischen denen wechseln wir. Das Problem ist, dass es in dieser Oper sehr viele Sprünge in Zeit und Ort gibt, und die Kameras erlauben uns genau das ohne großen Aufwand nachzuvollziehen. Wir können unmittelbar vom Bolivien der 1960er zu den Tagen der Commune im Frankreich des späten 19.Jahrhunderts springen. Diese Oper verlangt Beweglichkeit.“
Mitchells Interpretation der Oper ist zudem explizit feministisch: „Was mich interessiert, ist die Tatsache, dass Nono nicht über all die berühmten großen Männer geschrieben hat, sondern über jene Frauen, die mit der Zeit von der Geschichte vergessen wurden. Das wollten wir herausarbeiten. In dieser Oper sind Frauen keine Opfer, die die Schwindsucht kriegen und sterben oder die sich umbringen. Wie viele Opern gibt es, die von sterbenden Frauen handeln? Wir lieben es, Frauen beim Sterben zuzusehen. Aber bei Nono muss man Frauen zuschauen, die für intellektuelle Überzeugungen kämpfen. Gibt es irgendeine andere Oper, die das zeigt?“

Was will man mehr: Feministisches Live-TV trifft auf sozialistisches Pathos in den Räumen einer Industrieruine. In Opernform. Die Wechselwirkung von technologischem Aufwand und Luigi Nonos Musik bringt dann Jürgen Flimm auf den Punkt: „Wir können ja pathetisch sagen, wir setzen ein Kunstkraftwerk dagegen, in die Nachbarschaft des Heizkraftwerks Mitte. Kraftmusik setzen wir dagegen. Diese Musik ist so energiegeladen, dass man davon drei Stadtteile versorgen könnte. So unglaublich schöne Musik ist das.“ 

Text: Andreas Hahn
Fotos: Thomas Bartilla

Al gran sole carico d’amore
Staatsoper im Kraftwerk Mitte,
Termine: 1.3. (Premiere), 3., 5., 9.3., 19.30 Uhr, 11.3., 15 Uhr
Karten-Tel. 20 35 45 55

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