Theater

Stefan Fischer-Fels im Gespräch

x_Stefan_Fischer-Fels_c_SebastianHoppeHerr Fischer-Fels, was bedeutet es für Ihre Arbeit am Grips-Theater, dass jedes fünfte Kind in Berlin an der Armutsgrenze lebt?
Ich finde, dass jedes Kind, jeder Jugendliche ein Recht auf Theaterbesuche hat. Wenn ein Kind die vier Euro für die Eintrittskarte nicht hat, weil die Eltern arm sind, bedeutet das zuerst einmal Schamgefühl. Vielleicht fehlt das Kind dann beim Theaterbesuch einfach, ohne zu sagen, dass die Eltern das Geld nicht haben. Damit entgeht diesen Kindern das Gemeinschaftserlebnis Theater. Nach einem Theaterbesuch kann man über Gefühle reden, von denen man vielleicht gar nicht wusste, dass sie auch die anderen beschäftigen. Teilweise entscheiden sich Lehrer, ganz auf den Theaterbesuch zu verzichten, weil sie in ihrer Klasse vier oder fünf Kinder haben, die sich die Eintrittskarte nicht leisten können und die Lehrer nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Wie wollen Sie das ändern?
Wir wollen natürlich, dass der Theaterbesuch der Kinder und Jugendlichen nicht am Geld scheitert. Das Bildungspaket, das die Arbeitsministerin von der Leyen eingeführt hat, bedeutet leider, dass die Betroffenen einen großen bürokratischen Aufwand betreiben müssen, um die 4 Euro für die Eintrittskarte zu bekommen. Das funktioniert nicht wirklich, es sorgt für Diskriminierung. Wir wollen, dass die Lehrer total unbürokratisch sagen können, diese drei oder fünf oder zehn Kinder in der Klasse haben das Geld für den Theaterbesuch nicht, denen müssen wir den Theaterbesuch umsonst möglich machen. Wir vertrauen den Lehrern, das bedeutet auch, dass uns diese Ansage der Lehrer genügt. Wir wollen keine Nachweise der Bedürftigkeit sehen, es ist auch egal, ob die Eltern Hartz IV bekommen oder vielleicht eine alleinerziehende Mutter wenig verdient und deshalb dem Kind keine Theaterkarte zahlen kann. Wenn die Lehrer geschickt sind, wird diese Unterstützung in der Klasse auch nicht groß zum Thema gemacht, sodass keine Stigmatisierung aufkommt. Wir haben dieses Programm „Grips Fieber“ genannt.

Wie finanzieren Sie das?
Mit Hilfe von Sponsoren: GASAG, Berliner Wasserbetriebe, Berliner Stadtreinigung, Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte und als Hauptsponsor die Investitionsbank Berlin. Der Kulturstaatssekretär Andrй Schmitz hat uns sehr geholfen, diese Sponsoren zu finden. Sie geben zunächst 30 000 Euro, das bedeutet, dass etwa 5 000 Kinder aus armen Familien Theater sehen können. Jetzt hoffen wir, dass dieses Modellprojekt so erfolgreich ist, dass wir es in den nächsten Jahren fortsetzen können.

Schützen Sie sich mit diesem Programm auch davor, dass dem Grips-Theater irgendwann Zuschauer fehlen?
Seit Pisa merken immer mehr Theater, dass Schulen dazu neigen, ihre Verpflichtung zur kulturellen Bildung der Kinder zu vergessen – einfach weil der Unterrichtsstoff größer und die Zeit, ihn zu vermitteln, knapper geworden ist. Ein Theaterbesuch als freiwillige Leistung bedeutet, dass Schulstunden ausfallen, das ist den Verantwortlichen unter Umständen lästig. Wir wollen, dass sich Schulen von sich aus darauf verpflichten, dass alle Schüler einmal im Jahr ins Theater gehen – das ist dann Teil des Schulprofils. Diese Selbstverpflichtung ist ein Prozess, bei dem alle Lehrer und die Eltern eingebunden sein müssen. Wenn die das nicht wollen, funktioniert es nicht. Durch unser Angebot, Kindern aus armen Familien den Theaterbesuch unkompliziert kostenlos zu ermöglichen, fällt diese Hürde schon mal weg. Ich freue mich, dass sich in sehr kurzer Zeit 22 Schulen in Berlin darauf verständigt haben, dass für sie der Theaterbesuch dazugehört.   

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Sebastian Hoppe

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