Theater

Strindbergs „Traumspiel“ im Berghain Berlin

Barry Kosky fotografiert von Jens Berger
tip Herr Kosky, eigentlich wollten Sie August Stringbergs „Traumspiel“ ganz normal im Deutschen Theater inszenieren. Jetzt proben Sie im Berghain, die Bühne steht direkt neben dem Darkroom. Was macht Strindberg in einem Technoclub?
Barrie Kosky Wir hatten vor dem Sommer ein Konzept und einen Bühnenbildentwurf für das Deutsche Theater gemacht, alles war wunderbar. Dann rief mich vor ein paar Wochen Oliver Reese an, der DT-Intendant, und sagte, wir haben ein Problem. Beim DT-Umbau haben sie Asbest gefunden, alles dauerte viel länger, und das DT fing an, Ausweichquartiere zu suchen. Reese hat mir dann das Berghain vorgeschlagen. Mein erste Reaktion war etwa: Oh, my God, „Traumspiel“ hat nichts mit einem Technoclub zu tun, es geht nicht um Sex und Drogen. Aber der Raum ist toll, eine gewaltige Betonkathedrale, eine Katakombe. Wir haben ein völlig anderes Konzept als im Deutschen Theater entwickelt, es wäre Quatsch, so zu tun, als wäre das hier ein normaler Theaterspielort. Der Raum hat Kraft und eine besondere Aura, als hätte die Architektur alles, was hier auch immer passiert ist, aufgesaugt. Das müssen wir benutzen. Der Raum ist relativ groß, sehr hoch, aber wir spielen vor einem kleinen Publikum, 160, 170 Zuschauer, sehr intim. Die Darkrooms benutzen wir nicht, aber die armen Schauspieler müssen durch den Darkroom auftreten. Es ist das erste Mal in meiner Karriere, dass ich die Regieanweisung gebe: Alle Schauspieler bitte zurück in den Darkroom.

tip Waren Sie mal privat bei einem Partywochenende im Berghain?
Kosky Ja, klar, drei-, viermal. Es ist ein fantastischer Club, aber Technomusik ist nicht mein Ding. Bevor wir uns entschieden haben, „Traumspiel“ im DT zu machen, haben wir lange über Stücke diskutiert, ich hätte gerne eine Bühnenfassung des Romans „Querelle“ von Genet gemacht, aber wir haben die Rechte daran nicht ekommen. Genet hatte die Rechte daran einem seiner Lover geschenkt, und der hasste den „Querelle“-Film von Fassbinder. Deshalb darf niemand den Roman inszenieren, schade. Die Idee mit „Querelle“, das war lange bevor wir ans Berghain dachten. Aber natürlich wäre es interessant gewesen, hier vor den Dark­rooms „Querelle“ zu machen.

tip Ein schwuler Roman in einem Club, in dem schwule Sexpartys stattfinden …
Kosky Genau, aber vielleicht wäre es auch zu direkt. Eigentlich finde ich es gerade gut, dass „Traumspiel“ nichts mit dieser Techno- und Undergroundszene und Sexpartys zu tun hat.

tip Was interessiert die Berghain-Betreiber daran, hier Theater zu zeigen?
Kosky Sie sind große Theaterfans, sie sind absolut begeistert. Das Staatsballett hat hier ein Stück gemacht, es gab Fashion-Shows. Ich glaube, sie haben die Ambition, im Berghain mehr zu machen als Technopartys – Konzerte, Theater, Tanz. Das ist toll.

tip Weshalb verwenden Sie in Ihrer Inszenierung Musik, die denkbar weit von Techno-Welten entfernt ist, nämlich Barockmusik?

Interview: Peter Laudenbach

Ein Traumspiel
Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, 4.12. (Premiere), 5., 10.12., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren