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„Stück Plastik“ an der Schaubühne

Im Boulevardtheater kommt alles aufs Timing an – und das Timing ist an diesem Premieren­abend in der Schaubühne hervor­ragend. Kurz nachdem Kulturstaatssekretär Renner die Übernahme der Volksbühne durch einen performance­interessierten Museums­mann bekannt gegeben hat, kann man in Marius von Mayenburgs Ur­aufführungs­inszenierung seiner Komödie „Stück Plastik“, einer Farce aus dem gehobenen Distinktionsbürgertum, einen event­erprobten Künstler erleben. Dieser Serge Haulupa (Sebastian Schwarz) erweist sich als Selbst­darsteller der penetranteren Sorte, dessen Ego mindestens so überdimensioniert ist wie sein mächtiger Hipster-Vollbart.
Serge ist, man muss es so uncharmant sagen, ein Kotzbrocken des Kunstbetriebs. In einer seiner Künstler­aufwallungen vermutet der gute Mann in sich eine „Goldmine“ der Kreativität, während andere nur mit einer „Müllverbrennungs­anlage“ als Kreativitäts- und Seelen­ersatz gesegnet seien.
Dass Serge an dieser Stelle am Premieren­abend den in der dritten Reihe sitzenden Kulturstaatssekretär in den Blick nimmt, muss Zufall gewesen sein, allerdings ein sehr hübscher Zufall. Wie um die feindliche Übernahme des Theaters durch Kunstbetriebs­nudeln abzurunden, überlegt sich Serge ganz am Ende des munteren Abends, wie es wäre, wenn Schauspieler den ganzen Quatsch, der hier eben geredet wurde, auswendig lernen und nachspielen würden. Das könnte er ja dann als echt innovatives Konzept­kunstwerk ausstellen. Und 200 Leute werden eingesperrt und müssen dabei zusehen! Das muss es sein, das berühmte und allseits herbei­diskutierte Verschmelzen von bildender Kunst und Theater. Dass der Spötter von Mayenburg sich zum Schluss­applaus mit einer runden Chris-Dercon-Hornbrille geschmückt hat, wäre nicht unbedingt nötig gewesen – die Verweise auf die Zeitgeist-Helden der Performing Arts waren auch so überdeutlich, lustig und treffend genug. Vielleicht wollte der Regisseur und Dramatiker ja auf Nummer sicher gehen, damit auch anwesende Politiker den Scherz verstehen.
Serge ist der übergriffige Chef von Ulrike (­Marie Burchard). Die Blondine (womit das Sozial­verhalten genauso charakterisiert ist wie die Haare) wollte eigentlich selber Künstlerin werden, aber es hat nur dazu gereicht, Serge in jeder Hinsicht zu bedienen und den hippeligen Arzt Michael (Robert Beyer) zu heiraten. Ihr Sohn Vincent (Laurenz Laufenberg) rundet das Bild der leicht wohlstandsverwahrlosten Kleinfamilie unter erhöhtem Selbstverwirk­lichungsdruck ab. Der Anblick der Neo-Spießer, die sich große Mühe geben, die Illusion ihrer Nicht-Spießigkeit aufrecht­zu­halten, ist so komisch wie ihre Manöver, um ihre in aller Unschuld selbstverständliche Arroganz mit einem betont politisch korrekten Umgang mit ihrer Putzfrau in Einklang zu bringen. Die bedauernswerte Haushaltshilfe Jessica Schmitt (souverän komisch: Jenny König), die in diesem familiären Krisengebiet für Schmutz aller Art zuständig ist, lässt distanzlose Übergriffigkeiten der falschen Nähe stoisch an sich abtropfen. Sie ist die einzige Figur, die in diesem Auslaufgebiet der blühenden Status­neurosen so etwas wie Würde behält. Bis es ihr irgendwann reicht und der Klassenkampf in Form einer sauberen Beseitigung des Arbeit­gebers ins Townhouse einzieht. Marius von Mayenburg hat sein Stück ohne Angst vor gröberen Boulevard-Scherzen und klischee­freudiger Figuren­zeichnung inszeniert – das aber gekonnt, tempo­reich und un­ver­schnö­selt.     

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Schaubühne Mi 20.5., 20.45 Uhr, Sa 23.–Mo 25.5., 20 Uhr, ­Karten-Tel. 89 00 23

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