Theater

Stücke ohne Markt

Nach 35 Jahren haben die Berliner Festspiele entschieden, den Stückemarkt neu zu erfinden. Sie wollen die so inflationären wie leerlaufenden Routinen und Rituale der Nachwuchsdramatikerförderung nicht einfach aus alter Gewohnheit fortsetzen. In Zukunft will sich der runderneuerte Stückemarkt beim Theatertreffen der Präsentation von drei jungen, internationalen Theaterkünstlern oder Gruppen widmen, „die neue Formen von theatraler Sprache und außergewöhnliche performative Erzählweisen entwickeln“, wie es in der gewundenen Presseerklärung der Festspiele heißt. Weil wenige Milieus so konservativ und verliebt in gewohnte Routinen sind wie der Kultur- und besonders der Theaterbetrieb, sorgte die Änderung prompt für große Aufregung. Auf dem Internetportal nachtkritik, einem Freigehege aufgeregter Bedenkenträger, blühten die absonderlichsten Verschwörungstheorien. Zwar weiß noch niemand, welche Gruppen nächstes Jahr eingeladen werden, aber Matthias Heine weiß in der „Welt“ schon jetzt, dass dabei höchstens „Ikebana-Theater“ rauskommen kann, was immer das sein mag.

Dabei ist es bei etwas Metierkenntnis offenkundig, dass die Entscheidung der Berliner Festspiele angesichts des wuchernden, in Teilen komplett selbstreferentiellen Dramatiker-Förderwesens richtig, überfällig und notwendig ist. Längst gibt es mehr Talentwettbewerbe als Talente und mehr Stückemärkte als neue Stücke, die es verdient hätten, aufgeführt zu werden. Nicht weniger als 75 Dramatikerförderprogramme hat eine Studie der Universität Witten/Herdecke schon 2009 gezählt. Das führt vor allem zu einer Überproduktion von Stipendien-Dramatikern und einer Flut von nach der Uraufführung zu Recht schnell vergessenen Stücken. Jens Groß, bis vor Kurzem Dramaturg am Maxim Gorki Theater, jetzt am Schauspiel Frankfurt, sagt es höflich so: „Die Inflation von Preisen und Stipendien ist nicht unbedingt qualitätsfördernd.“ Dass ein Großteil der deutschen Gegenwartsdramatik so langweilig ist, könnte auch mit dem überzüchteten Förderwesen zu tun haben, in dem jedes Vierteltalent durchgewunken wird.

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