Theater

Stücke von Dea Loher bei den Autorentheatertagen

Das_letzte_feuerDas Gespreizteste an Dea Loher ist ihr selbstgewählter Vorname. Dea, die „Göttin“, das klingt wie ein Präfix aus dem fröhlichen Größenwahn der Popmusik. Aber vielleicht muss man sich dem Banalen so total entrücken, wenn man Andrea Beate getauft wurde, als Förstertochter aus der bayrischen Provinz mit sieben Jahren ein Damengewehr geschenkt bekam und beim Zähneputzen zusehen musste, wie Rehe in der Badewanne ausbluteten. Schriftlich jedenfalls ist Dea Loher alles andere als göttlich. Weder rein noch allwissend, nicht erhaben noch moralisch, und vor allem frei von Richtig und Falsch. Und fröhlich würde bis vor Kurzem auch niemand als Merkmal ihrer Dramen einfallen.

Lohers Stücke sind Leidenszimmer mit Aussicht. Aussicht auf Lebensmut, auf Glück, Orientierung und die Befreiung von Schuldgefühlen, die aber nie erreicht wird. Denn Dea Lohers Theatertexte sind – fast ausnahmslos – Tragödien. Wie die antiken Vorbilder schöpfen ihre Dramen aus dem Paradoxen: In der Auswegslosigkeit formulieren sie Hoffnung, im Verzweifelten erkennt sich die Komik des Lebens. Anfänglich noch stark beschäftigt mit geschichtlichen Zusammenhängen – Folter und Verfolgung durch das Nazi-Regime, die Anfänge der RAF oder Szenen aus dem Balkankrieg – hat sich Lohers Figurenpanorama seit ihrem Erstling, „Olgas Raum“ von 1992, immer mehr dem alltäglichen Leiden zugewandt.

„Adam Geist“, das 1998 in der Regie von Andreas Kriegenburg in Hannover uraufgeführt wurde und jetzt in einer Inszenierung von David Bösch vom Burgtheater zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater eingeladen ist, war vielleicht der Wendepunkt von der primär politischen zur vorrangig traumatischen Struktur in Dea Lohers Stücken. Der Lebensweg eines jungen Einzelgängers vom Krebstod der Mutter zum eigenen Selbstmord mit 19 Jahren führt vom Leben auf dem Friedhof über die Drogen- und Skinheadszene zum Versuch, ein guter Soldat im Bürgerkrieg zu sein. Solche Helden der Selbstbehauptung bevölkern Lohers Texte als introvertierte Horden: Wahrsager des absichtslosen Unglücks für andere, die aber unfähig sind, das eigene Schick­sal anders als allein zu meistern – und dabei scheitern, scheitern müssen.

Loher_DeaAuch den Figuren in Lohers letzten Stücken ist die Immunität gegen hilfreiche Verständigung nicht verloren gegangen. In „Das Letzte Feuer“, das Lohers Abonnements-Regisseur Andreas Kriegenburg 2008 für das Hamburger Thalia-Theater inszeniert hat, treffen sich eine Frau mit amputierten Brüsten, eine Alzheimer-Kranke, Eltern, die ihr Kind bei einem Unfall verloren haben, ein Kriegsheimkehrer, Phantasten, Verzweifelte, Verstummte auf einem Karussell der Versehrten. Die Hamburger Inszenierung übernimmt DT-Chef Khuon ins Berliner Repertoire, erstmals zu sehen ist sie bei den Autorentheatertagen. Gewinne sind hier nur Einsatz für neues Unglück, aber der starke Motor, das Unrecht und Pech des Lebens zu meistern, arbeitet unverdrossen. Das ist das Optimistische an Dea Lohers Tragödien. Und daraus gewinnt sie auch ihre eigene Komik: ein Humor der Starrsinnigkeit von Lebensentwürfen, die nicht klappen wollen.

Solche Widerstände sind Dea Loher selbst nicht völlig unbekannt, zumindest beim Versuch, eine erste richtige Komödie zu schreiben. Bereits 2006 hatte sie damit begonnen, „Diebe“ als letzte Produktion für die Intendanz von Ulrich Khuon am Thalia-Theater zu schreiben, war aber zunächst am Lachen verzweifelt, hatte das Stück „in die Tonne gehauen“ und das „Letzte Feuer“ geschrieben, das formal und inhaltlich die Tradition ihrer großen Stücke von „Adam Geist“ bis „Das Leben auf der Praca Roosevelt“ fortsetzte. Danach mühte sie sich erneut damit ab, ihren Figuren Satire beizubringen, und so wurde aus Lohers anschaulicher Nähe zum menschlichen Schmerz eine Art humoristische Fernbeziehung. „Diebe“ ist eine ins Karikaturhafte gedrehte Version des „Letzten Feuers“, die Einsamkeit und Depression in Fröhlichkeit verhüllt – was vielleicht auch ein Angebot an Andreas Kriegenburgs Regiehumor war.

Text
: Till Briegleb
Fotos: Arno Declair

Diebe Deutsches Theater, 5., 15.4, 18 Uhr

Das letzte Feuer Deutsches Theater, 8.4., 20 Uhr

Adam Geist Deutsches Theater, 11.4., 20 Uhr

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