Theater

„Swan Lake Reloaded“ im Admiralspalast

SwanLakeReloadedIn Schweden ist Fredrik Rydman weltberühmt. Neben Björn Borg und dem Curling-Olympiateam lacht er den Ankömmlingen schon an der Gepäckausgabe des Stockholmer Flughafens von einer großformatigen Schautafel entgegen, um für ein gastfreundliches und weltoffenes Schweden zu werben. Rydman gehört zu den Gründern von Bounce, einer Compagnie, die aus Streetdance seit Ende der 90er-Jahre ein weit über den Heimatmarkt hinaus tragfähiges Geschäftsmodell gemacht und darüber hinaus den womöglich größten Michael-Jackson-Gedenk-Flashmob aller Zeiten organisiert hat. Das Erfolgsrezept von Bounce: Kraftvolles Ensemble-Gezappel wird zu krachender Musik in einen losen dramatischen Zusammenhang gestellt, zum Beispiel bei einer HipHop-Adaption von „Einer flog übers Kuckucksnest“. Nach dem Abschied von Bounce, choreografischen Arbeiten in ganz Skandinavien und diversen Jobs als TV-Juror hat sich Rydman, einst an der Stockholmer Ballettakademie ausgebildet, nun an Tschaikowski gewagt und dessen Top-Hit „Schwanensee“ einer gründlichen Neubearbeitung unterzogen: Ballett trifft auf Beats und Breakdance.

Um den Klassiker in die Gegenwart zu überführen, hat er den Handlungsbogen aus der Märchenwelt ins Rotlichtmilieu verlegt, was im prostitutionsfeindlichen Schweden angeblich hier und da für Irritationen gesorgt hat. Zauberer Rotbart hat sich in einen Zuhälter verwandelt, der seine schönen „Schwäne“ mit großzügigen Drogenrationen gefügig macht; Prinz Siegfried ist ein Muttersöhnchen aus reichem Hause, der sich in eine Hure verliebt und sie von der Straße holen will, ohne ihre dunkle Seite zu kennen. „Pretty Woman“ auf Crack, sozusagen. Da wedeln dann auch schon mal die Dildos.

Dass die Musik dabei für den nötigen Schub sorgen soll, wird bereits in der ersten Szene deutlich, in der Rotbart auf recht spektakuläre Weise mit einer touchscreenartigen Lichtprojektion interagiert. Ein wenig grobschlächtig, aber durchaus effektiv wurde das Tschaikowski-Material zerhackt, neu zusammengesetzt und mit schweren Beats akzentuiert. Zudem haben einige nicht ganz uninteressante schwedische Musiker wie Moneybrother oder Adiam Dymott eigene Tracks beigesteuert, die den Takt für ein immer wieder imposantes Wechselspiel zwischen superzeitlupenartigen Bewegungsabläufen und Hochgeschwindigkeitsgeschüttel vorgeben. Etwas lieblos wirken dagegen die ruhigeren Passagen, in denen Tschaikowskis Musik unberührt blieb – die Streicher vom Band klingen arg dünn. Auch das Kostümbild kann nicht immer mit der Klanggestaltung und dem Lichtdesign mithalten. Den magentafarbenen Glitzeranzug oder die grünen Fransenperücken würde wohl selbst ein Zuhälter als wenig geschmackvoll empfinden. Beim Ball im großbürgerlichen Zuhause des verliebten Jünglings geraten dann sogar Kopfkissen, Lampenschirme und Bilderrahmen außer Rand und Band. An solchen Stellen kippt das Zusammenspiel von Musik und Bewegung in sinnfreies bis nerviges Gehampel. „Swan Lake Reloaded“ bietet eine clevere und trotz einiger anzüglicher Gesten familienfreundliche Form der Unterhaltung, aber keinerlei Herausforderung oder Erkenntniszuwachs.  

Text: Heiko Zwirner
Foto: Mats Baecker

Swan Lake Reloaded
Di 19.–Sa 23.2., 20 Uhr, So 24.2., 14 Uhr,
im Admiralspalast,
Karten-Tel. 47 99 74 99

 

weitere Rezensionen:

„Das Himbeerreich“ am Deutschen Theater“

Patrick Wengenroths: „Angst essen Deutschland auf“ an der Schaubühne

„Was ihr wollt“ von Katharina Thalbach inszeniert am BE

„Coriolanus“ in den Kammerspielen

„Black Rider“ mit Musik von Kante an der Schaubühne

„Am schwarzen See“ von Dea Loher am DT

„Die Wirtin“ an der Volksbühne

Rainald Grebes „DADA Berlin“ am Gorki Theater

Kinderoper „Ali Baba und die 40 Räuber an der Komischen Oper

Gob Squads „Dancing About“ im Roten Salon

Milan Peschels „Juno und der Pfau“ am DT

Theater und Bühne in Berlin 

 

Mehr über Cookies erfahren