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„Tagebuch einer ­Hospitantin“ von Annika Krump

Gerade hat man sich von der Party zum 100. Geburtstag der Volksbühne erholt und von den damit verbundenen schweren Sentimentalitäts-Schüben bei der Erinnerung an die frühen, tollen Castorf-Jahre, als wir alle noch jung waren, zumindest ein bisschen – da kommt dieses umwerfende Buch, das einen gleich wieder auf das ­Schönste in die frühen Neunziger und die Volksbühnen-Anfänge zurückbeamt.
Damals war Annika Krump gerade mal Anfang 20, aber offenbar schon so geschmacks­sicher, ihr windiges Kulturmanagement-Studium sausen zu lassen, um stattdessen an der Volksbühne zu hospitieren – bei Marthalers „Murx den Europäer“, bei Castorfs „Rheinisch Rebellen“, bei Christoph Schlingensiefs aller­erster Theaterregie. Damals wurde mal so eben mit jeder Volksbühnen-Premiere Theatergeschichte geschrieben. Davon hat sich das bürgerliche Theater bis heute nicht erholt. Annika Krump ist hellwach dabei, beobachtet, zweifelt an sich selbst, stürzt sich manisch in die Arbeit, ist von Herbert Fritsch begeistert, fühlt sich am wohlsten beim Obdachlosen-Theater und singt bei Marthalers Proben einfach mit, weil es ihr so gut gefällt, was da geschieht. Eine mitsingende Hospitantin wäre woanders sofort rausgeflogen, Marthaler und seine Schauspieler freuen sich darüber. Anika Krump erlebt ein Theater-­Abenteuer, verliebt sich, wird nebenbei selbst zur Künstlerin, lässt sich von Castorf erzählen, dass ihm eigentlich sowieso alles egal sei, und von Matthias Lilienthal angerüffeln.
Geschlafen hat sie in dieser Zeit offenbar kaum, so aufregend sind ihre Tage. Anika Krump notiert alles in ihr Tagebuch, staunend, atemlos, immer wieder verblüfft, manchmal auch einfach nur glücklich darüber, was sie hier gerade erlebt. Jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, hat sie ihre Volksbühnen-Tagebücher veröffentlicht – es ist eine ­hinreißende Lektüre. Mein Lieblingstheater­buch des Jahres.    

Text:
Peter Lauterbach

Foto: Alexander Verlag Berlin

Tagebuch einer ­Hospitantin von Annika Krump, Alexander Verlag, 136 S., 12,90 Euro

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