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„Tagebuch eines Verschollenen“ in der Staatsopern-Werkstatt

Was haben Leoљ Janб?eks „Tagebuch eines Verschollenen“ und Francis Poulencs „Voix humaine“ gemeinsam? Gar nichts – außer einem lyrischen Ich, das sich an eine abwesende Person adressiert. Isabel Ostermann verschränkt beide Stücke miteinander, und zwar so, dass nach der ersten Phrase bei Poulenc der Sänger des Janб?ek einfällt. So als handele es sich um ein und dasselbe Stück. Das funktioniert erstaunlich gut. Wir sitzen um zwei Spielflächen herum: zwei Playmobil-Häuschen ohne Wände, in denen die „Frau“ mit ihrem Telefon, im anderen der Sänger des „Tagebuchs“ sitzt. Carolin Löffler singt so schön, dass man nicht verstehen kann, weshalb sie von ihrem Liebhaber hängengelassen wird. Benedikt Kristjбnsson, ausstaffiert wie ein romantischer Liebhaber, erfüllt das „Tagebuch“ mit so viel Ungestüm, als sei es Janб?eks „Schöne Müllerin“. Die Premiere wurde bejubelt. Gewiss auch wegen des vokalakrobatischen Liebreizes der jungen Darsteller.
Dass nur eines der beiden Werke für Klavierbegleitung geschrieben wurde, während beim anderen der Orchestersatz aus dem Off zuweilen druntergeschoben wird, zeigt, wie die Werke hier doch ein bisserl verbogen werden. Günther Albers greift zu goldig in die Tasten, sodass das Ausgeblasene, Verwüstete und Einsame kaum noch spürbar ist. Wenn also – trotz eines tragfähigen, konsequent durchgeführten Konzepts – doch nicht ganz zusammenpasst, was nicht zusammengehört, so liegt es daran, dass der Abend eine Nummer zu klein bleibt.
Stellen wir uns einmal vor, auf der großen Staatsopernbühne würden „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ – oder zwei kleinere Opern – miteinander verschmolzen: Ein Hammer wäre das. Hier, in der Nebenspielstätte, sagt man nur: „Na ja, schadet nix.“ Die mit ziemlicher Produktionsdichte, aber auch leicht beliebig bespielte Werkstatt bleibt eben doch immer: die Imbissstube der Berliner Staatsoper. Hier gibt’s Häppchen. Diesmal zwei.
    
Text:
Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Vincent Stefan

Staatsoper in der Werkstatt des Schiller-Theaters Sa 22.11., Mo 24.11., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 20 35 45 55

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