Theater

„Tannhäuser“ an der Staatsoper

Tannhaeuser_c_BerndUhligSasha Waltz, einer in Berlin geliebten und von der Politik schlecht behandelten Künstlerin einen Tadel ins Stammbuch zu schreiben, fällt nicht unbedingt leicht. Dennoch wurde bei der Premiere des „Tannhäuser“ im Schiller Theater ziemlich unverhohlen von einem „Desaster“ gemunkelt. Die statischen Sänger in diesem Stehstück werden fleißig von Falldrehungen und Standardformations-Ringelreihen umschwappt und umspült. Wofür immerhin 18 Tänzer von „Sasha Waltz & Guests“ mitwirken. Es verbindet sich aber kaum mit Wagners schwerfälligem Diskurs über irdische und überirdische Liebe.

Meist ist es unfreiwillig komisch. In der Liegekur-Kuppel des Venusbergs sieht es aus wie im Inneren von Woody Allens Monster-Titte (in „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber sich nicht zu fragen trauten“). Peter Seiffert im Wellness-Schlafanzug verteilt Küsschen und hat dabei eine Figur fast wie Helmut Kohl. Beim Sängerwettstreit werden die Namen aus einer Loskugel gezupft wie bei der Ziehung der Lottozahlen. Gelegentliche Bocksprünge von Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide führen auch eher zu unterdrücktem Lachen. Es ist ein Tanzen und Inszenieren wie auf Eiern. Sasha Waltz bewegt sich nicht stilsicher genug in dem ihr fremden Idiom. Vor allem fehlt es der Aufführung völlig an einem tragfähigen Deutungskonzept.

Alle Macht muss überraschenderweise von den Musikern ausgehen. Die werden von den seltsamen Tanzwirbeln wirkungsvoll herausgefordert. Peter Seiffert, auch heute noch der wohl beste Tannhäuser auf Erden, nutzt tenorales Stehvermögen für ungeahnte Nuancen – gerade wenn es vokal hart zur Sache geht. Peter Mattei gibt den Wolfram als virilen Kavaliersbariton: Hinreißend! Und Renй Pape als Landgraf bildet sowieso eine Klasse für sich. Marina Prudenskaya, eine grazile Puffmutter, ist eine Zierde für jeden Venushügel. Nur die herb-splissige Ann Petersen als Elisabeth genügt nicht wirklich.

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Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle ist ein Dirigent, der sich unter schwierigen Bedingungen gern aus der Reserve locken lässt. Nie ist er gleich zu Beginn so erotisch sich dehnend und spreizend in schnappende Erregung geraten wie hier. Er kehrt das Unterste zuoberst. Das rundet und rettet einen Abend, der ansonsten in Harmlosigkeit zu versinken droht.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Bernd Uhlig

tip-Bewertung: Zwiespältig

Tannhäuser Staatsoper im Schillertheater, So 27.4., 16 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

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