Theater

Tanz die Gender-Debatte: Move Berlim im HAU

Bull DancingWenn Marcelo Evelin in Teresina im Nordosten Brasiliens sein Stück „Urro de Omi Boi – Bull Dancing“ zeigt, dann passiert fast jedes Mal das Gleiche. Ein Teil der Zuschauer wird wütend und verlässt das Teatro Municipal Joгo Paulo II. Nicht, dass sie ein schlechtes Stück gesehen hätten. Im Gegenteil. „Bull Dancing“, mit dem im HAU das brasilianische Tanzfestival Move Berlim eröffnet wird, ist intelligent, kraftvoll, böse und voller überraschender Wendungen. Aber der Bumba-meu-boi, den der Choreograf Evelin zum Gegenstand seines Tanzstücks macht, ist einer der belieb­testen Straßenumzüge des an Stra­ßenumzügen nicht armen Brasilien.
Der Bumba-meu-boi erzählt eine fantastische Geschichte. Von einer schwangeren Frau, der es nach einer Ochsenzunge verlangt, von einem Gutsbesitzer, der sein Tier nicht rausrücken will, vom Ehemann, der den Stier heimlich schlachtet und dafür ins Gefängnis geworfen wird. Und von einem rituellen Tanz, an dem sich alle Sklaven beteiligen, die damit
den Stier wieder zum Leben er­wecken. Im armen Nordosten Brasiliens, wo dieser Umzug seine Wurzeln hat und bis heute teilweise rituelle Züge trägt, gibt es Museen und ganze Stadien, die dem Bumba-meu-boi gewidmet sind. Bis zu 20 Männer stecken in einem der üppig mit Pailletten bestickten Stierkostüme und ziehen damit durch die Straßen.
Jeder Ort feiert seinen eigenen Umzug. Dabei ist der Bumba-meu-boi, der nicht nur von Fruchtbarkeit, sondern auch von der Umverteilung des Reichtums handelt, im Kern ein revolutionäres Stück. Zumal in Teresina, der Hauptstadt des Bundesstaates Piauн, eine der heißesten und ärmsten Städte Brasiliens. Hier, so wird gern gewitzelt, bleiben die Menschen aus Hunger und Armut so klein, dass sie dem Durchschnittsbrasilianer gerade mal bis an die Schulter reichen. In Piauн werden auch so viele Frauen umgebracht, wie in keinem anderen brasilianischen Bundesstaat. Die meisten der Ermordeten sind zwischen 14 und 45 Jahre, das häufigste Mord­motiv ist Eifersucht. Es herrschen noch weitgehend feudalistische Verhältnisse. So lassen Unternehmer die Mitarbeiter ihrer Betriebe ganz gern mal zu den Wahllokalen karren, wo sie genötigt werden, ihr Kreuz an die vom Boss gewünschte Stelle zu setzen. Von der Presse werden solche Vorgänge immer mal wieder publik gemacht, aber geändert hat sich da­ran bislang wenig.
„Genau in so einer reaktionären Gegend arbeitet Marcelo Evelin und stellt unbequeme Fragen“, sagen die beiden Festivalgründer und Leiter von Move Berlim, Wagner Carvalho und Björn Dirk Schlüter. Seit drei Jahren leitet Marcelo Evelin das Teatro Municipal Joгo Paulo II. Jahrelang blieb das Theater nur halb fertiggestellt, die neu gewählte Regierung wollte ein Wahlversprechen einhalten und führte den Bau zu Ende. Nur wusste man danach nicht, wie man das Gebäude bespielen sollte. So verfiel man auf Marcelo Evelin. Die Honoratioren der Stadt hatten eigentlich an Ballett gedacht, als sie den Tänzer und Choreografen, der in Europa Karriere gemacht hatte, zurück in seine Heimatstadt riefen. Jetzt gibt es dort ein Zentrum für zeitgenössischen Tanz, diverse Compagnien arbeiten im Teatro, und 18 Tänzer, die zum Teil vom zeitgenössischen Tanz, zum Teil vom Streetdance kommen, arbeiten im Nъcleo de Criaçгo do Dirceu, im Zentrum für neue Kreationen, als eine Art Künstlerkollektiv zusammen.
Companhia de Dança da CidadeDazu gibt es Kurse für alle, für Kinder, Jugendliche oder ältere Damen. Das Zentrum wird angenommen in der Stadt, Berührungsängste gibt es nicht. Die Zuschauer kommen zu den Aufführungen ins Theater –, selbst wenn sie sich ärgern. Wie bei „Bull Dancing“, wo das populäre Stiertreiben auf der Bühne nicht wie sonst üblich von Männern, sondern von einer Frau betrieben wird. Am Ende wird sie zur Strafe nicht nur spektakulär geschlachtet, auch ein paar unangenehme Fakten über die Zustände in Piauн werden von der Bühne verkündet.
Marcelo Evelin und drei weitere Choreografen des Nъcleo de Criaçгo do Dirceu aus Teresina zeigen bei Move Berlim im HAU ihre Arbeiten. Das Festival setzt auf Bündelung, auf Arbeitszusam­menhänge und inhaltliche Konzentration. Gerade weil er sich politisch versteht, ist der zeitgenössische Tanz in Brasilien so ungemein kraftvoll. Die Gruppe , ebenfalls ein Gast des Festivals, ist direkt an der Universität von Rio de Janeiro angedockt. Sie verbindet die Forschung über zeitgenössischen brasilianischen Tanz mit dessen Darstellung – indem sie wichtige Stücke diverser brasilianischer Choreografen einstudiert, die so vor dem Vergessen bewahrt werden. Die „Tänze aus dem Repertoire“ zeigen in fünf kurzen Arbeiten, was in Brasilien in den 70er und 80er Jahren Furore gemacht hat.
Heute macht die Gruppe Dimenti aus Salvador da Bahia Furore. Sie kommt gleich mit insgesamt drei Stücken ins HAU, da­runter „A Mulher-Gorila“ („Die Gorilla Frau“) und „Tombй“. In Salva­dor, der Heimatstadt der Künstler, kam in der Kolonialzeit der größte Teil der rund fünf Millionen Afrikaner an, die von den Portugiesen aus Westafrika in die Sklaverei verschleppt wurden. Heute haben in Salvador und im gesamten Bundesstaat Bahia 85 Prozent der Bevölkerung afrikanische, meist von der Yoruba-Kultur geprägte Wurzeln. Um diese kulturelle Identität geht es in den Stücken der Gruppe Dimenti. In früheren Festivalausgaben wurden bei Move Berlim Tanzstücke gezeigt, die sich, wie in den Choreografien des großartigen Luiz de Abreu, mit der Geschichte der Sklaverei und ihrer Auswirkungen bis in die Gegenwart befassen. Dieses Mal geht es auch bei den Arbeiten aus Salvador da Bahia um die Geschlechterfrage. Die Frauen, sagen die beiden Festival-Kuratoren Carvalho und Schlüter, haben in Bahia eigentlich viel Macht in der Familie und in der Religion. Im allgegenwärtigen Can­domblй gelten sie als die Medien, die einen Zugang zu den Gottheiten ermöglichen. In der Familie haben sie das Regiment – in der Öffentlichkeit aber sind sie kaum präsent. Warum ist das so, fragt die Tanzkompanie Dimenti in „A Mulher-Gorila“. Und was ist eigentlich mit den Männern? Wie schwul dürfen sie sein, in einer Stadt, in der in den 80er Jahren die Polizei höchstpersönlich Transvestiten von der Straße aufgriff, mit ihnen aufs Meer hinausfuhr und sie mit Steinen um den Hals versenkte?
Corpo ManualDiese Verbrechen wurden nie geahndet. Aber danach entstand zumindest eine starke Schwulenbewegung in Salvador, berichten Carvalho und Schlüter. Heute werden Homosexuelle in Brasilien durch Gesetze ausdrücklich vor Diskriminierung geschützt. Aber im armen Nordosten Brasiliens ist es für Schwule nach wie vor entschieden schwieriger als in den Metropolen Sгo Paulo oder Rio de Janeiro. Ein abstrakter, kopflastiger Diskurs über Gender-Fragen ist bei der Gruppe Dimenti, auch wenn sie sich durchaus auch als Forschungsgruppe versteht, nicht zu erwarten. „A Mulher-Gorila“ hat Spaß an theoretischen Fragen, vor allem aber ist es eine gewitzte, überbordende Revue, die Anleihen bei Gene Kelly und anderen Hollywood-Größen macht, um unsere Vorstellungen über Geschlecht ordentlich durcheinan­derzuschütteln.
Insgesamt neun verschiedene Tanzabende werden im HAU zu sehen sein, daneben Vorträge, Filme, Partys und natürlich die Lange Nacht der Opern und Theater, die im HAU dieses Mal ganz brasilianisch ausfallen wird. Es wird viel laute, leidenschaftliche, brasilianische Musik unterschiedlichs­ter Spielarten geben – und zwischen all dem wird Denise Stutz ganz leise „3 Solos Em Um Tempo“ zeigen. Eine Erinnerung an eigene, frühere Stücke, an sich selbst, an das, was sich eingeschrieben hat in einen Körper, der quasi selbst Tanzgeschichte geschrieben hat. Stutz war als Lebensgefährtin von Rodrigo Pederneiras Mitbegründerin von Grupo Corpo, Brasiliens berühmtester Compagnie. Später hat sie mit Lia Rodriguez gearbeitet, die ebenfalls schon öfter in Berlin zu sehen war. Jetzt also kommt Stutz selbst, ein kleines Juwel im Programm – ganz sicher nicht das einzige.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: S. Caddah


Move Berlim, HAU 1-3, Do 16. bis So 26. April, Karten-Tel. 25 90 04 27, www.hebbel-am-ufer.de

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