Kultur

Tanz im August

Tanz im August

2010 als Gastprofessorin in Berlin suchte die Choreografin Rosemary Butcher mit ihren Tanzstudenten „besondere Orte“. Die Britin prüfte, was passiert, wenn ein Mensch auf Dächern, an Haltestellen, in Parkanlagen tanzt. Orte, die man sonst nicht betritt, an denen nur gewartet wird, die man bloß durchquert. Mit den Tänzern wirken sie auf einmal heilig oder verrückt oder beides.
Jetzt ist die Butcher wieder da, gleich mit einer ganzen Werkschau. Schon seit den 1970er-Jahren reanimiert sie ein Genre, das 1962 in New York unter dem Begriff des „Judson Dance Theater“ Furore machte. Es war eine Bewegung, die als Postmodern Dance in die Geschichtsbücher einging: Ein paar entschlossene Künstler, darunter Trisha Brown, Yvonne Rainer und Lucinda Childs, lehnten sich gegen den Ausdruckstanz aus Vorkriegszeiten auf. Die Avantgarde-Choreografen der 60er- und 70er-Jahre haben den Tanz für immer verändert.
Der Aufstand geschah auf Hausdächern, in Kunstgalerien oder in der nicht mehr für religiöse Zwecke genutzten Judson Church am Washington Square im Greenwich Village. Man rebellierte gegen einen Tanz, der nur im Theater stattfand. „No to spectacle. No to virtuosity. No to style. No to moving or being moved“, forderte Yvonne Rainer 1965 in ihrem „No Manifesto“.
Einmal nach Europa importiert, wurde die neue Art, sich „wie Kunst“ (und nicht wie im Theater) zu bewegen, als Konzepttanz bezeichnet und eher als Philosophie diskutiert. ­Rosemary Butcher ist heute die Archivarin dieser Bewegung. Sie steht im Mittelpunkt der 27. Ausgabe von Berlins größtem Tanzfest: Ihre Memorabilien und ihre eigenen Performances zeigt sie in der Akademie der Künste am ­Hanseatenweg.
In der nächsten Generation der Tanz-Avantarde rückte in den USA Lucinda Childs ins Zentrum – in Theaterkreisen unter anderem berühmt für ihre Kollaboration mit Robert Wilson bei „Einstein on the Beach“, einem frühen Klassiker des postmodernen Theaters. Childs fand den Weg aus der Intimität der kleinen Judson-Church-Bewegung in die breitere Öffentlichkeit. Sie hob die „neue Lässigkeit“ des postmodernen Tanzes auf die große Bühne und lief in der Zusammenarbeit mit Musikern wie John Adams und Architekten wie Frank O. Gehry zu großer Form auf. Nicht durch Konzeptuelles, Improvisation und intimer Studioarbeit, sondern durch einen „minimalistischen Maximalismus“, der vor vier Jahren schon einmal bei Tanz im August einschlug, damals in ihrem Werk „Dance“ zur Musik von Philipp Glass und zur Filmkunst von Sol LeWit.

Tanz im AugustNun gibt es gleich zur Eröffnung am 13. August ihr „Available Light“ von 1983. Minimalistische Architektur trifft auf eben solche Musik und Choreografie, ein Stück, das Lucinda Childs soeben erst in Los Angeles reanimiert hat, in einer – wie sie es nennt – engen „Kollaboration“ zwischen den Künstlern. Ihr Anspruch der Zusammenarbeit auf Augenhöhe hatte enorme Wirkung: Die Gleichberechtigung des Tanzes mit der Musik, mit dem Licht, mit der Bühne entsprach genau dem Geist der Zeit.
Auf zwei Etagen agiert eine Phalanx von Performern zur Musik und versprüht nicht etwa Sinn, Botschaft und Bekenntnis, sondern lässt den Zuschauer zurückfallen auf seine eigene Ansicht von Bewegung. Diese Freiheit für das Auge und das Hirn, an die die Postmoderne so sehr glaubt, findet sich in der Musik der Clubkultur heute so selbstverständlich wie in der Malerei und im Tanz – als ein amerikanischer Mythos von der freien Wahl der Perspektive. Nur Europa hat dieses Verständnis von Kunst als „beliebig“ und „anything goes“ verachtet. Die Kuratorin des Festivals Virve Sutinen macht umso unerschrockener ernst mit der „Kollaboration unter Gleichen“.
So gibt sie am Anfang nicht etwa den Tänzern eine Bühne, sondern der bildenden Kunst. Im HAU 1 haben die Werke aus der Berliner Sammlung Haubrok ihren Auftritt, unter anderem die des Lichtkünstlers Olafur ­Eliasson oder des besonders kollaborativen Künstlers Willem de Rooij. Deren Werke werden nicht ausgestellt, sie geben eine 45-minütige „Session“. In „24h Durcheinander“ konfrontiert das Berliner Künstlerduo deufert&plischke ein gemeinsames Abendessen mit gemeinsamem Sleep-in, gestört durch das Schreckwort für Europas Puristen: die „partizipative Praktik“. Kaum sind die Kunstwerke im HAU 1 abgeräumt, erobern bei deufert&plischke die Zuschauer die ­Bühne.
24 Stunden Durcheinander – so lange braucht Isabel Lewis nicht. Eine Generation jünger, organisiert sie einzigartige DJ-Sets, in der sich ein platonisches Philosophengelage aus der Antike mit Tanz verbindet, so wie in dem von Xenophon schon 500 vor Christus beschriebenen „Gastmahl“: Tanz als erotischer Anstoß zum Denken. Lewis’ „Occasions“ bilden damit den heimlichen Höhepunkt gegen Ende des Festivals. Am 4. September wird das Publikum binnen vier Stunden Teil einer inspirierenden, grandios zeitgenössischen Gelegenheit, die ihren Anfang vor über 70 Jahren in einem zugigen Kirchenschiff in New York nahm, als gerade mal an zwei Fingern abzählbare Künstler sich die Freiheit nahmen, eine ziemlich dumme Frage zu stellen: Kann Tanz eine Bewegung auslösen? Und herausfanden: Oh ja, er kann.

Text: Arnd Wesemann

Fotos: Craig T. Mathew / Mathew Imaging

Tanz im August HAU, Haus der Berliner Festspiele, Radialsystem, Volksbühne, Sophiensaele, Schaubühne u.?a.

Gesamtes Programm unter ?www.tanzimaugust.de, ?Karten-Tel. 25 90 04 27

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