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„Tanz im August 2013“: Eröffnung mit Trisha Brown und Steve Paxton

TrishaBrown_LeaningDuetsDie New Yorker Tanz-Avantgarde der 80er-Jahre, die im Tanz für eine Revolution sorgte, ist in die Jahre gekommen – und reif fürs Museum. Im Hamburger Bahnhof zeigt die 76-jährige Trisha Brown, eine New Yorker Legende der Tanz-Erneuerung, ihre frühen Choreografien aus den 1970er-Jahren, auch wenn sie krankheitsbedingt nicht selbst da sein kann. Das ist, gleich zur Eröffnung des 25. Tanz im August, ein Statement, mit dem das Festival an seine eigenen Anfänge anknüpft: Vintage aus den USA. Als das Festival Ende der 80er-Jahre den New Yorker Postmodern Dance von Trisha Brown und Steve Paxton erstmals nach Berlin holte, markierte das eine Befreiung des Tanzes, einen radikalen Bruch mit der Tradition.

Die New Yorker Avantgarde-­Choreografen hatten keine Lust mehr, Fiktionen und Ornament а la Hollywood und Broadway zu liefern. Tanz wollte Wirklichkeit sein, raus aus den schwarzen Löchern der Theaterbühnen, rein in die legendäre, leer stehende New Yorker Judson Church und wieder raus auf die ­Straße, in die Galerien. Oder, noch radikaler, Theater ganz ohne Publikum veranstalten wie ­Steve Paxton in seinen berühmten Kontaktimprovisationen. In Berlin wird dieser inzwischen 74-Jährige Meister ein Solo aus seiner revolutionären Frühzeit zeigen: „Bound“ aus dem Jahr 1982.

StevePaxtonDie Berlin-New-York-Connection hat Tradition. In einem Zelt auf dem Parkplatz neben der Freien Volksbühne organisierte 1988, im Gründungsjahr von Tanz im August, die Tanzfabrik unter dem Titel „Issues für the 90ies“ eine Konferenz für künftige Lehrer dieser damals sehr hippen Kontaktimprovisation. Alle Größen waren da, auch Steve Paxton und die Compagnie von Trisha Brown. Aus dieser deutsch-amerikanischen Freundschaft entwickelte sich die Berliner Tanz-Offszene. Und eine Allianz zwischen Tanzfabrik und Tanz im August.
Ab 29. August feiern sie nun gemeinsam in den Uferstudios ein Fest mit dem treffend schönen Titel „Ausufern“. Ausgeufert ist damals aber auch etwas anderes. Ein richtiges Tanzfestival war nie geplant und schon gar keins für den zeitgenössischen Tanz. Hier kommt Nele Hertling ins Spiel, die Erfinderin des Hebbel-Theater. Aus einem anlässlich der Berliner 750-Jahr-Feier eigentlich einmalig ausgerichteten Werkstatt-Event 1988 zauberte sie ein richtiges Festival, indem sie die Politik davon überzeugte, dass Berlin genau das jetzt unbedingt brauche – in den reichen 80er-Jahren war vieles möglich, wovon heutige Kuratoren nur träumen können.

 

Für Berlin wurde New York City in den 90er-Jahren ein fernes Licht, als Bürgermeister Rudolph Giuliani in seiner „Zero Tolerance“-Zeit die Kriminalität austrocknete und die bessere Kunst gleich mit. Im New Yorker Off überlebten vor allem burleske Tanzunterhaltungen. An die beste Zeit der New Yorker Avantgarde und den postmodernen Tanz der 1960er-Jahre knüpft jetzt der US-Choreograf Trajal Harrell mit seinem Berliner Festival-Gastspiel wieder an. Auch er feiert die Kultur als Reminiszenz an ein fernes Früher und macht sich dabei auf die Spur der weißen Avantgardisten von damals, der Judson-Church-Bewegung in Greenwich – die er in Berlin passenderweise in die ­Kirche St. Agnes in Kreuzberg steckt. Trajal_Harrel_JudsonChurchIsRingingInHarlemDie Erinnerung an die Judson-Church-Befreiung des weißen Tanzes schließt er kurz mit der schwarzen, homosexuellen Ballroom-Subkultur in Harlem und deren populärstem Tanz, dem Voguing. Wo damals die weißen Revoluzzer in New York jede tänzerische Artistik ablehnten (obwohl Yvonne Rainer als die dritte im Bund neben Paxton und Brown durchaus mal einen Jongleur zuließ), da karikierten in der Parallelwelt die Schwarzen mit ihren Körpern die „Vogue“, das Glanzmagazin für die weiße Frau.

An Berlin ist das fast völlig vorbeigegangen. Und auch heute wird daraus kein lärmiger Spaß mit durchgeknallten Jungs. Denn Trajal Harrell überreicht uns das Voguing in sehr vertrauter Verpackung, der des Berliner Konzepttanzes. Und den könnte man ja auch mal feiern. Vor 25 Jahren fing er schließlich an, der Aufstieg Berlins zur Welthauptstadt jener Weiterentwicklung des postmodernen Tanzes: dem nach wie vor so ominösen Konzepttanz. 

Text: Arnd Wesemann
Fotos: John Mallison, Juliano Mer Khanis, Miana Jun

Bound – Steve Paxton  
HAU 2, Fr 16.+Sa 17.8., 19 Uhr

Early Works – Trisha Brown  
Hamburger Bahnhof,
Fr 16.8., 16.30 Uhr, 19 Uhr, Sa 17.8., 16 Uhr, 18.30 Uhr

Judson Church is Ringing … – Trajal Harrell
St. Agnes Kirche,
Alexandrinenstraße 118–121, ­Kreuzberg,
Sa 17.8., 17 Uhr, Sa 18.8., 20 Uhr, ­

Karten-Tel. 25 90 04 2, www.tanzimaugust.de/

Ausufern
Uferstudios,
Do 29.8.–So 1.9.

 

Mehr Einblick ins Tanz-im-August-Festival 2013 erhalten Sie im aktuellen tip auf den Theaterseiten

 

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