Festival

Tanz im August 2016: Der offensive Flirt

Choreografische Schwergewichte, Neuentdeckungen und auffallend viel Gesellschaftsbrisanz:  Tanz  im August umkreist Wertefragen

Tanz im August 2016
Emanuel Gat

Das Weltgeschehen macht nicht vor dem Tanz halt oder umgekehrt. Wenige Wochen nach den Anschlägen in Brüssel war es Anne Teresa De Keersmaeker, die Grande Dame des belgischen Tanzes, die mit einer besonderen Idee ihre Landsleute aus der Schockstarre holen wollte: ein Slow-Walk mit finalem Tanz-Happening im Herzen der Stadt. Tausende machten mit. Ein Flashmob aufs Leben.

Auch Virve Sutinen, künstlerische Leiterin von Tanz im August, glaubt an das gemeinschaftsstiftende Potenzial des Tanzes. Der Blick ins Programm der 28. Ausgabe verrät: Auffallend viele der eingeladenen Arbeiten berühren brisante Gesellschaftsthemen, wie Erfahrungen von Kollektivität, Ausgrenzung oder Rassismus. Wird Tanz im August politischer? „Ich bin davon überzeugt, dass es für die westliche Welt an der Zeit ist, in den Spiegel zu schauen“, sagt Sutinen. „Mit Blick auf all die Terrorakte und die Flüchtlingskrise empfand ich es in diesem Jahr als besonders dringlich, nach unseren Werten zu fragen.“
Die gebürtige Finnin übernahm 2014 das Ruder bei Tanz im August; sie hat bislang sachte, aber nachhaltig an den inhaltlichen Stellschrauben gedreht. Ihr kuratorisches Credo: keine Fokusthemen festschreiben, vielmehr der Vielfalt zeitgenössischer Tanzströmungen eine Plattform bieten. Auch bei der Einladung zur Wertereflexion setzt sie darauf, dass sich über die gezeigten Arbeiten ein Dialog zwischen Publikum und Künstlern entspinnt. Und da bietet das geschnürte Programmpaket reichlich Gelegenheit: 26 Produktionen aus 14 Ländern, darunter elf Deutschlandpremieren. Dank einer Etaterhöhung (dem Hebbel am Ufer als Veranstalter stehen 2016 und 2017 zusätzliche Mittel des Hauptstadtkulturfonds zur Verfügung) regierte nicht die Entweder-Oder-Maxime. Großformatige Ensemblearbeiten, Newcomer-Stücke, das verstärkte Einbinden der Berliner Szene – das alles steckt in der diesjährigen Ausgabe.

Schon der Festivalauftakt „Sunny“ des israelischen Choreografen Emanuel Gat bietet eine Kostprobe dessen, was nicht erst seit gestern Trend in der Tanzszene ist: der offensive interdisziplinäre Flirt mit anderen Kunstsparten. Zehn Tänzer und Tänzerinnen erkunden in diesem Hybrid aus Live-Konzert und Performance frei fließende Bewegungsformen. An ihrer Seite: Awir Leon, Shootingstar der Elektromusik und selbst ehemaliges Ensemblemitglied. „Ein Stück, das die Virtuosität der Tänzer zelebriert“, freut sich Sutinen. Ebenfalls am ersten Festivalwochenende zu erleben ist die belgische Formation Peeping Tom. Ihr Markenzeichen: ins Traumartige schweifender Hyperrealismus. „32 rue Vandenbranden“ katapultiert uns in die abgeschlossene Welt eines Trailerparks inmitten einer kargen Schneelandschaft. Isolation, Hoffnungen, Ängste verdichten sich im Spiel des fünfköpfigen Tänzerkollektivs und einer Mezzosopranistin wie unter einem Brennglas zur Frage, wie fragil das menschliche Miteinander sein kann. „Es verlässt sich ganz auf die Magie des Theaters“, sagt Sutinen begeistert über das mit surrealen Bildern gesättigte Stück.

Visuelle Überwältigung praktiziert auch ein anderes choreografisches Schwergewicht: VA Wölfl mit seiner Kompanie Neuer Tanz aus Düsseldorf. Von Hause aus Bildender Künstler, hat er seinen Tanz stets angereichert mit einem guten Schuss Provokation. „An wie viele Performances kann man sich auch nach Jahren noch erinnern? VA Wölfls Bilder bleiben im Kopf“, sagt Sutinen. Gut möglich also, dass die Ballerinen mit Bibeln und Pistolen in den Händen aus der neuesten Produktion „von mit nach t: No 2“ sich in die Netzhaut brennen. Anstrengende, aber auch hoch anregende Kost.
Virve Sutinen hat diverse Anker im Programm ausgeworfen, die auf die Werte einer offenen und toleranten Gesellschaft verweisen. „In unserer Gesellschaft hat Ausgrenzung viele Gesichter, etwa aufgrund des Alters“, so Sutinen. Einige ältere Tanzschaffende einzuladen, sei eine bewusste Geste gewesen. Wie Valda Setterfield und Gus Solomons Jr., beide um die 80. In Eszter Salamons „Monument 0.1“ werden sie auf höchst vitale und gewitzte Weise Tanzgeschichte. Sie arbeiteten einst mit Ikonen der Moderne wie Merce Cunningham oder Martha Graham.

In die Kategorie Neuentdeckungen dürften einige junge Choreografen aus New York fallen. So schüttelt Niv Acosta in „Discotropic“ Science Fiction und Disco mit dem afroamerikanischen Erfahrungshorizont  zusammen; dem Twerking (einem gesäßbetonten Tanzstil aus der Hip-Hop-Kultur) gewinnt er dabei eine überraschend widerständige Note ab. Wiederum ganz anders berühren wird Jaamil Olawale Kosoko, der ins Zentrum seiner Performance „#negrophobia“ den gewaltsamen Tod seines Bruders stellt und sich damit im Spannungsfeld zwischen Persönlichem und Gesellschaftlichem bewegt.

Wer pures Tanzglück sucht, sollte das visuell hinreißende „Celui qui tombe“ von Yoann Bourgeois nicht verpassen. An der Schnittstelle zum Neuen Zirkus arbeitend, versetzt der französische Choreograf sein sechsköpfiges Ensemble auf einer beweglichen Plattform in prekäre Zustände. Eine Miniatur-Menschheit auf der Suche nach Balance, Poesie inbegriffen. Etwas Erhebendes stecke in dem Stück, an dem wir unsere Hoffnung und unsere Batterien wiederaufladen können, sagt Sutinen.
65 Veranstaltungen an 21 Tagen – darunter auch das Brückenformat „walk+ talk“ zur Ende August stattfindenden Tanznacht Berlin, tänzerische Gratwanderungen inspiriert von Hieronymus-Bosch-Gemälden, fluide Geschlechteridentitäten, ein Flirt von Tanz und Neurowissenschaften,  die neu eingerichtete Festivalbibliothek und vieles andere mehr. Zum Festivalausklang wartet dann noch ein veritables Highlight: Das berühmte Cullberg Ballet lässt Deborah Hays Choreografie „Figure a Sea“ zur Meditation des Sehens werden. Der Tanzsommer kann kommen.

Diverse Orte 12.8.–4.9., www.tanzimaugust.de/programm

Mehr über Cookies erfahren