Theater

Tanz im August: „Big Mouth“ im Podewil

BigMouthNicht länger als fünf Minuten dauert die Szene, in der die Tänzerin Keren Levi, gekleidet in die Farben der israelischen Flagge, an der Rampe steht und den Mund zu einem ultimativen Schrei verzerrt. Vergessen kann man die ambivalente Mischung aus Begeisterung und Entsetzen in dem Tanzstück „Big Mouth“ nicht so schnell. Die Tänzerin lässt die pathetische Musik der Hymne der heroischen israelischen 7. Panzerbrigade aus ihrem sich langsam öffnenden Mund strömen. Das wird zum Ausdruck des Grauens: In plötzlicher Gegenbewegung scheint die Musik mit Gewalt zurückzudrängen und muss geschluckt werden. Als schaue man in die verzweifelten Abgründe eines Individuums, das vom Sog des Nationalismus und Militarismus erst mitgerissen und dann fast erstickt wird.

Die Fähigkeit, der eigenen, höchst ambivalenten Gegenwart in Bruchstücken szenisch-choreographischen Ausdruck zu verschaffen, macht die nur dreißig Minuten dauernde israelische Produktion „Big Mouth“ so faszinierend. Oren Laor, Niv Sheinfeld und Keren Levi, die das Trio auf der Bühne bilden, beschäftigen sich subtil und klug mit den inner-israelischen Verhältnissen, der Widersprüchlichkeit zwischen Opfer- und Sieger-Existenz, Affirmation und ­Ablehnung der komplexen Rolle als ­Israelis.   

Zu Beginn ziehen die drei im Viereck über die Bühne, immer im Gleichschritt. Keineswegs ­aggressiv und trotzdem entschlossen. Schließlich erste Veränderungen in der Einheits-Formation: Richtungswechsel, Rückwärts- und Kreuzschritte, Schwingen und ab und an ungebührliches Schlenkern der Arme. Schließlich geben sich im semi-militärischen Bewegungsablauf Volkstanz-Schritte zu erkennen – Gemeinschaftsbildung findet auf verschiedenen Ebenen statt: Ein Kollektiv, das das Individuum im Tanz umarmt, will es auch manipulieren, mit Waffengewalt schützen und Gehorsam fordern. Die Tänzerin fällt als erste aus der vereinheitlichten Bewegung. Sie wird zum Zentrum aller Begegnungen, agiert aktiv und passiv im Kontakt und ist der emotionale Brennpunkt des Stückes: Freudig läuft sie auf ihre beiden Partner zu, wird von ihnen hin- und hergeworfen, um die Schultern gefasst und mit dominanter Zärtlichkeit von ihnen abgeführt. Chancen und Zwänge eines Kollektivs, das das ausbrechende Individuum gewähren lässt und dann gewaltlos, aber entschieden wieder zurückzuholen versucht – ein Bild für Israels Gesellschaft in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit.

Wie echt oder trügerisch die Harmonie einer Gemeinschaft sein kann, lassen die drei offen: Auch wenn sie einander in zärtlicher Fürsorge unterstützen, die beiden Männer der Frau einen Sessel aus Körpern bereiten, sie auf Händen und Füßen tragen, verlässt sie am Ende ihre beiden Partner. Das Kollektiv zeigt sich noch einmal funktionsfähig, aber nicht von Dauer; wer sich nicht einschmiegen, beschützen, umsorgen lassen will, muss gehen. Aber jeder, der geht, hinterlässt eine Lücke.

Text: Elisabeth Nehring
Foto: Gadi Dagon

Big Mouth
im Podewil, 2.9., 21.30 Uhr, 3.9., 22 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 27

 

ÜBERBLICK UND RAHMENPROGRAMM

INTERVIEW MIT JЙRФME BEL

TEMPEST – WITHOUT A BODY VON LEMI PONIFASIO

GARDENIA VON LES BALLETS C DE LA B

LOOK AT ME; I’M CHINESE VON RUBATO

TIMETABLE ZUM DOWNLOAD

 

THEATER UND BÜHNE IN BERLIN VON A BIS Z

 

 

Mehr über Cookies erfahren