Theater

Tanz im August: Interview mit Jйrфme Bel

Jerome-Bel„The last Performance“ hieß das Stück, dass den französischen Performer Jйrфme Bel 1998 international bekannt machte. Seitdem gilt Bel als Star des Konzepttanzes. „The last Performance“ schien das Werk von Susanne Linke und überhaupt der modernen Tanzgeschichte zu zerpflücken. Doch bald schon zeigte sich: Das Gegenteil ist der Fall, Bel ist ein obsessiver Erforscher der Tanzgeschichte.  Das passt zum diesjährigen Tanz im August. Das Festival setzt einen Schwerpunkt auf die Tanzgeschichte und befasst sich mit der schwierigen Frage, wie sich die großen Tanzwerke angemessen bewahren lassen.

tip Jйrфme Bel, Ihr vorletztes Solo-Portrait haben Sie mit Lutz Förster gemacht, einem berühmten Tänzer von Pina Bausch. Ihr letztes dann mit Cйdric Andrieux, der acht Jahre lang in der Merce Cunningham Dance Company tanzte. Kurz nachdem Sie Ihre Arbeiten beendet hatten, sind Pina Bausch und Merce Cunningham gestorben. War das für Sie nicht sehr merkwürdig?
Jйrфme Bel Na ja, Merce war 88 Jahre alt, als Cйdric Andrieux und ich mit der Arbeit begannen, sein Tod war also absehbar … Und es war auch ein schöner, ein sehr ruhiger Tod. Er ist eines Tages nicht ins Tanzstudio gekommen, zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren, und die ganze Company wusste: Das ist das Ende. Jeder hat ihn noch einmal besucht und sich verabschiedet und eine Woche später starb er. Ich finde es großartig so zu sterben, ruhig, zu Hause, umgeben von Freunden. Mit Pina war das natürlich etwas völlig anderes, das war ein Schock, es kam so völlig unerwartet aus dem Nichts. Aber die beiden Solos waren ja jeweils fertig, sie handeln also nicht vom ­Verlust und darüber bin ich froh. Es ist viel schwerer über jemanden zu reden, der gestorben ist.

tip Es wird jetzt viel darüber diskutiert, wie und ob das moderne Tanzrepertoire überhaupt erhalten werden kann. Was meinen Sie?
Jйrфme Bel Wir werfen doch auch nicht die Bücher von Beckett weg, die Filme von Jean Luc Godard oder die Musik von John Cage! Pina Bausch und Merce Cunningham gehören zu den bedeutendsten Künstlern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ich sage nicht Choreografen, sondern Künstler, weil sie genauso wichtig waren wie Joseph Beuys oder Rainer Werner Fassbinder. Natürlich ist es viel schwerer eine Tanzperformance zu bewahren als ein Buch, einen Film oder eine Installation. Ich bin der Ansicht, dass wir als Mitglieder der Tanz-Community in der Verantwortung stehen, dabei zu helfen.

tip Die Frage ist, wie die Bewahrung eines Werks, etwa von Pina Bausch, möglich ist. Einem Werk, in dem der persönliche Ausdruck wichtiger ist als die festgelegten Schritte.
Jйrфme Bel Wir müssen unsere Vorstellungen von Authentizität, Wahrheit und all diesem Bullshit einfach über Bord werfen. Performances existieren immer nur in dem Moment, in dem sie stattfinden, sie werden von lebenden Menschen gemacht. Das gilt auch für das Repertoire. Es mag paradox klingen, aber um es halten zu können, müssen wir Veränderungen akzeptieren.

tip Zunächst war es nicht so deutlich, aber die Auseinandersetzung mit der Tanzgeschichte scheint für Sie schon seit Beginn Ihrer Karriere eine große Leidenschaft zu sein.  
Jйrфme Bel Ja, Tanzgeschichte fasziniert mich: Wie ist ein bestimmter Moment der Geschichte mit einem bestimmten Moment der Tanzgeschichte verbunden? Pinas Arbeit ist das beste Beispiel. Sie war zunächst einmal eine deutsche Künstlerin, die von der Nachkriegszeit geprägt war, das ist ein sehr wichtiges Element in ihrer Arbeit. Aber dann, an einem bestimmten Punkt, nach 1989, hat sie ihre ѓsthetik verändert. Die historischen Umwälzungen waren ja gleichzeitig, wie für jeden anderen, auch ihre ganz intime, ganz persönliche Geschichte und das hat sich in ihrem Werk niedergeschlagen.

tip „Cйdric Andrieux“ ist bereits das fünfte Solo in Ihrer Reihe von Tänzerporträts. Ist das Ihre Art von Tanzgeschichts-Forschung?
Jйrфme Bel Diese Serie von Arbeiten, in denen Performer dem Publikum von ihrer Tanzkar­riere erzählen, hat mich so gepackt, weil ich dabei viel über Traditionen lerne und über die künstlerischen Projekte, die mich besonders interessieren, wie eben das von Merce Cunningham. Es ist ein Weg  zu zeigen, wie Dinge gemacht wurden und warum. Durch die Recherchen, die ich mit den Tänzern unternehme, verstehe ich nach und nach, wovon ich selbst als Zuschauer beeindruckt war, wie ich erzogen wurde, bewegt, verändert. Ich verstehe dadurch, wie ich zu dem Menschen geformt wurde, der ich heute bin.


Interview: Michaela Schlagenwerth
Foto: Jaime Roque de la Cruz, Herman Sorgeloos

„Cйdric Andrieux“
im HAU 1, Di, 31.8., Mi, 1.9., 19.30 Uhr, Karten unter Tel. 25 90 04 27 oder
24 74 98 80

 

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