Theater

Tanz im August: „Look at me, I’m Chinese.“

tip Was fasziniert Sie so an China, dass Sie seit 15 Jahren immer wieder dort unterrichten und inzwischen sechs Stücke in China
inszeniert haben?
Baumann Wahrscheinlich sind es die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Wir arbeiten seit Jahren in Shanghai mit der gleichen Gruppe zusammen und merken einfach, dass sich da viel entwickelt. Diese Tänzer, die früher wie perfekte Tanzmaschinen mehr oder weniger nur funktioniert haben, haben wahnsinnigen Spaß daran entwickelt, etwas neues auszuprobieren und selber etwas vorzuschlagen. Das ist neu. 1995 haben sich die Tanz-Studenten der zentralen staatlichen Hochschule in einer Reihe der Größe nach militärisch aufgestellt. Und dann schreien Sie zur Begrüßung „Good Morning Teacher“. Da fragt man sich als Europäer erst mal, wie aus diesen Leuten Künstler werden sollen. Für sie war klar, dass der Teacher der Master ist. Was er sagt, ist Gesetz. Die staatlichen Tanzcompagnien, aber zum Beispiel auch der Staatszirkus, gehörten zur Armee, und das merkt man. Wir haben einmal ganz im Norden Chinas mit ­einem Staatszirkus gearbeitet. Die Artisten sind alles Militärangehörige, selbst die kleinen Mädchen, die mit ihren Tellern jonglieren. ­Irgendwann kriegen sie ihre militärische Grundausbildung und lernen, mit der Waffe umzugehen. Viele Choreografen sind Offiziere.

tip Wie sind Sie mit diesen gedrillten Tanzmaschinen umgegangen?
Baumann Wir haben sie im Prinzip provoziert, indem wir immer wieder Fragen gestellt haben: Warum machst Du das so, was für eine Idee hättest Du noch, das anders zu machen … Das hat sie natürlich zunächst komplett irritiert, aber man hat gemerkt, wie es ihnen mit der Zeit gefallen hat.
Hell Wenn man in China Vertrauen hat, kann man weit gehen. Die Tänzer aus Shanghai, mit denen wir jetzt arbeiten, kennen wir länger. Sie lassen sich auf unsere Art zu arbeiten ein. Erst dieses Vertrauen, die gemeinsame Zeit, macht diese Art von Freiheit im Tanz möglich.
Baumann Das Stück, das jetzt beim „Tanz im August“ rauskommt, ist im Prinzip das Ergebnis von 15 Jahren Arbeit in China. Es ist komplett frei entwickelt und mit europäischem Geld finanziert.

tip Ihr neues Stück mit sechs chinesischen Tänzern heißt „Look at me, I’m Cinese.“ Was geschieht da?
Hell Was man aus dem chinesischen Tanz kennt, sind die Massen-Choreografien. Wir haben versucht, es  stärker zu personalisieren und diese sechs Tänzer als Individuen, als Persönlichkeiten zu zeigen.

tip Was für Europäer ja nicht so über­raschend ist.
Baumann In China ist das immer noch ungewöhnlich. Schon der Titel des Stückes, also: „Schau mich an, ich bin Chinese“, war für die Tänzer ein Problem, eine Herausforderung. Sich selbst so offensiv in den Vordergrund zu rücken, ist eigentlich unchinesisch. Die jungen Tänzer sagten, dass ihre Eltern so einen Satz niemals hätten sagen können. Aber auch für diese 25-Jährigen ist das grenzwertig. „Ich“ zu sagen, ist nach wie vor nicht einfach. Im deutschen Theater oder Tanz ist es ziemlich normal, wenn jemand auf der Bühne steht und sagt, wie er heißt und was er macht. Für die chinesischen Tänzer ist das nicht ein vertrautes Stilmittel, sondern eine neue Erfahrung. Im chinesischen Theater oder Tanz wäre so eine Szene vor zehn Jahren völlig unmöglich gewesen. Und es ist durch den anderen kulturellen Hintergrund ein völlig anderer Vorgang, als wenn das ein Amerikaner oder ein Deutscher machen würde.
Hell Ich würde so ein Stück in Deutschland oder in den USA nicht machen. In Shanghai hat so eine Szene eine andere Unschuld. Als wir 1995 zum ersten Mal in China waren, war das Denken in Kollektiven noch enorm stark. Jetzt wird die individuelle Kraft stärker. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Stück. Ein anderes Thema des Stücks sind die Fake Products, die Billigproduktion imitierter Markenware, die billigen Körper. Man sieht in dieser reichen Stadt Shanghai mit ihren Hochhäusern und Glaspalästen eben auch die kleinen Märkte, die Garküchen an der Straße, das alte ­China, und das liebe ich an dieser Stadt, auch die Gegensätze zwischen dem Alten und dem Neuen. Chinesen mögen Farben. Also strahlen die Hochhäuser bunt beleuchtet, aber streng reglementiert: abends von sieben bis zehn. Pünktlich um zehn wird das Licht an den Hochhäusern ausgestellt.

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Interview: Peter Laudenbach
Foto: Dirk Bleicker

Look at me, I’m Chinese
Radialsystem, 21., 23.8., 20 Uhr, 22.8., 21 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 27
www.tanzimaugust.de

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