Theater

Tanz im August: „Look at me, I’m Chinese.“

tip Sie arbeiten seit 15 Jahren immer wieder in China. Wie kam es dazu?
Jutta Hell 1994 hat uns Yang Meigi, die Leiterin der Guang Dong Modern Dance Company eingeladen, mit ihnen in Kanton zu arbeiten. Sie hatten in Deutschland eine Tournee, wir haben anderthalb Tage einen Workshop mit den Tänzern gemacht. Damit hat es angefangen. Yang Meigi ist die Pionierin des modernen Tanzes in China. Wir sind 1995 nach Kanton geflogen und haben dort gearbeitet. Das Goethe Institut in Peking hat uns dann an die staatliche Tanzhochschule des Landes mit über 1000 Studenten in Peking vermittelt. Da haben wir junge chinesische Tanzstudenten und Choreografen unterrichtet.  

tip Vor 15 Jahren war das Land noch weit von seiner heutigen wirtschaftlichen Dynamik und Weltoffenheit entfernt. Wie haben Sie China bei Ihrer ersten Reise 1995 wahrgenommen?
Dieter Baumann Das war eine andere Welt. Wir wussten am Anfang wenig über China. Es war ein Abenteuer.
Hell Kanton, eine Industriestadt im Süden, war ein brodelnder Moloch. Es gab nur kleine, stinkende Taxis, Smog, unendlich viele Fahrradfahrer und Busse, so gut wie keine Privatfahrzeuge.
Baumann Kaum jemand konnte Englisch. Wenn wir durch die Straßen gelaufen sind, haben sich Gruppen von Leuten gebildet, die uns angeschaut haben, aber nicht unfreundlich oder aufdringlich, ganz offen und direkt. Sie waren einfach neugierig, weil sie noch nie Europäer gesehen hatten.
Hell Wir hatten immer einen Übersetzer dabei. Inzwischen bedauere ich es, dass wir erst vor einiger Zeit angefangen haben, Chinesisch zu lernen. Um etwas besser zu verstehen, wie Chinesen denken, muss man die Sprache lernen.

tip Wie war das damals, mit den chinesischen Tänzern zu arbeiten, die keine Erfahrung mit modernem europäischem Tanz hatten?
Baumann Sie waren sehr neugierig, manchmal hilflos. Die Grundlage war: keine Ablehnung. Wir hatten immer das Gefühl, die wollen verstehen, was wir wollen, auch wenn sie dazu erst mal keinen Zugang hatten. Sie waren stark geprägt davon, dass Geschichten vertanzt werden, vielleicht ähnlich wie im europäischen Handlungsballett. Wir arbeiten völlig anders. Wir haben eher gefragt, wie können wir überhaupt Bewegungen finden, um nicht immer wieder auf Sachen zurückzugreifen, die sie sowieso dauernd machen. Die hatten alle ein sehr hohes technisches Potenzial. Und wir wollten, dass sie mit diesen Möglichkeiten etwas anders machen als das, was sie gewohnt waren.
Hell Wir sind mit einer Komposition und fertigen Schrittfolgen angereist, der Arbeitstitel hieß damals „Turning World.“ Wir kamen mit Bewegungsmaterial an, das die chinesischen Tänzer gar nicht für sich übernehmen konnten. Wir wollten viel mit Werfen machen, mit Rollen, vieles fand auf dem Boden statt. Nach dem ersten Tag sagten sie „Sorry, uns wird davon nur schwindelig und schlecht“.
Baumann Der Körper hat echt reagiert auf das fremde Bewegungsmaterial. Die wurden immer bleicher und wir mussten schauen, wie wir damit umgehen. Langsam entstand ein Dialog. Wir fingen an, unser Konzept zu verändern, die Tänzer fingen an, sich auf diese fremde Bewegungssprache einzulassen. Das, was man sich in China vornimmt, wird ­garantiert umgestoßen. Da darf man dann nicht irgendwie hart werden. 1995 war es zum Beispiel auch so, dass jederzeit die Stromversorgung ausfallen konnte. Finanziert wurde die Company von einem reichen Hongkong-Chinesen.

tip Wie ist es, als europäischer Künstler in so einer Modernisierungsdiktatur zu arbeiten?
Baumann Es gibt klare Tabus: Tibet oder die Studentenbewegung auf dem Tianmen, dem Platz deas Himmlischen Friedens-Platz 1989. Die Diskrepanz zwischen dem, was man in der Zeitung über die Politik der Partei liest, und dem, wie wir im Alltag die Menschen erleben, mit denen wir arbeiten, ist groß. Die Menschen sind offen und ungeheuer neugierig. Die staatliche Kontrolle merkt man eher an Merkwürdigkeiten im Alltag.
Hell Als wir 1995 nach Peking kamen, hatten wir als Gäste der Tanzhochschule eine schöne Gästewohnung, aber wir bekamen keinen ­eigenen Schlüssel. Am Eingang saß dunkelgrau uniformiert immer ein Schlüssel-Mann. Sie wussten stets, wer uns besucht. Damals sind sie auch ab und zu einfach in der Nacht in unsere Zimmer gekommen und haben in die Schränke geschaut und überprüft, ob niemand unerlaubt da war. Das waren 1995 ganz normale Umgangsformen. Davon merkt man ­heute überhaupt nichts mehr.

tip Was fasziniert Sie so an China, dass Sie seit 15 Jahren immer wieder dort unterrichten und inzwischen sechs Stücke in China inszeniert haben?

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