Theater

Tanz im August. „Tempest. Without a Body“

Als Lemi Ponifasio 15 Jahre alt war, bat er seine Eltern, seine Heimat verlassen und in Neuseeland zur Schule gehen zu dürfen. Üblich war das nicht. „Schließlich“, sagt Ponifasio grinsend, „ist Neuseeland eigentlich ein europäisches Land, nur befindet es sich leider am falschen Ort auf der Weltkugel.“ Lemi Ponifasio kommt aus Samoa, einer Insel im Südpazifik, ganz in der Nähe von Neuseeland, und alles andere als europäisch. Seine Eltern sind Schamanen und Stammesfürsten und auch Lemi Ponifasio ist ein „Sala“, ein Schamane.

Jetzt sitzt er entspannt in den dicken Polstern des Foyers im Essener Grillo-Theater. Am Abend zuvor hatte hier sein neuestes Stück „Birds with Skymirrors“ Premiere. Eine konzentrierte, minimalistische Arbeit mit Tänzern, die in Tippelschritten über die Bühne huschen, sich in Vögel zu verwandeln und Versammlungen abzuhalten scheinen. Über ihnen blitzt in einem Videoclip immer wieder für wenige Sekunden die Qual eines ölverklebten Vogels auf. Ein Bild, das das Vogel-Treiben unten auf der Bühne düster zu kommentieren scheint.
Lemi Ponifasio ist nicht nur samoanischer Schamane, er ist auch ein ziemlich beeindruckender zeitgenössischer Choreograf. Seit acht Jahren tourt er mit seiner Mau-Company – benannt nach der friedlichen Unabhängigkeitsbewegung, dank der Samoa 1962 die neuseeländische Kolonialherrschaft abschütteln konnte – durch Europa und die USA. Nur in Berlin hatte man bislang noch nichts von ihm gesehen. Jetzt kommt sein Stück  „Tempest: Without a Body“ zum Tanz im August. Mit von der Partie ist unter anderem Tame Iti, einer der bekanntesten Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung der Maori, der indigenen Ureinwohner Neuseelands.

Die Vorgeschichte der Inszenierung beginnt am 7. Juli 2005, morgens um zehn vor neun, an einem Londoner Bahnhof. Ponifasio ist in der Liverpool Street, als dort in einem einfahrenden Zug eine von Islamisten gelegte Bombe explodiert. Die Explosion tötet sieben Menschen. „Danach“, sagte Ponifasio, „stand ich wie alle anderen unter Schock. Ich hatte Angst und ein unglaubliches Heimweh.“ Warum tut man so etwas, was ist der Sinn? Das ist die Frage, die ihn seither umtreibt. Als er nach Neuseeland zurückkommt, zeigen sie in den Nachrichten den maorischen Widerstandskämpfer Tame Iti, wie er auf einem belebten Platz mit einem Gewehr auf die neuseeländische Flagge schießt. Die Aktion schlägt in Neuseeland große Wellen. Lemi Ponifasio nimmt Kontakt mit Tame Iti und seinen Mitaktivisten auf. „Ich habe vorher keine Menschen in Neuseeland getroffen, die ihre Geschichte so gut kannten wie Iti und seine Tahoe-Leute“, sagt Ponifasio. „Aber sie beschäftigen sich fast nur mit den schrecklichen Seiten ihrer Geschichte, denen der Unterdrückung, der Desaster. Ich weiß auch keine Lösung, aber das kann nicht alles sein.“ Also hat er mit Iti und seinen Leuten ein Stück entwickelt, eben „Tempest: Without a Body“, mit dem Ponifasios Company jetzt nach Berlin kommt. Es ist ein Stück, in dem es darum geht, Fragen zu stellen, und nicht darum, der einen oder anderen Seite pauschal recht zu geben oder es sich mit zu einfachen Antworten bequem zu machen. Tame Iti, der Maori-Aktivist, hält darin eine wütende Rede – eine an die englische Königin gerichtete Klage.

Für Lemi Ponifasio ist die Geschichte des Kolonialismus samt seiner kulturellen Begleitmusik alles andere als ein abgeschlossenes Kapitel. Gereizt spricht er von „Avatar“, James Camerons auch bei der Öko-Fraktion und Esoterikern aller Art sehr beliebte Film, in dem natürlich ein Weißer, ein heroischer Amerikaner, die humanoide Eingeborenen-Spezies namens Na’vi vor dem Untergang errettet. „Dieser Film“, so Ponifasio, „bedient die gleichen stupiden rassistischen Stereotypen, wie sie in Hollywood seit Jahrzehnten gang und gäbe sind.“ Der große Erfolg des Films hat ihn geschockt. Der selbstgerecht-zivilisationsmüde Blick der sogenannten ersten Welt auf die vermeintlich edlen Wilden, die als Projektionsfläche für unreflektierte Kitschbedürfnisse übersättigter Wohlstandsbürger herhalten müssen, ist gerade in seinem Gutmenschen-Moraldünkel so abstoßend.

Ponifasio lässt an seiner Haltung gegenüber solchen Rassismus-light-Produkten der Kulturindustrie keinen Zweifel. Gleichzeitig strahlt er eine beeindruckende Gelassenheit aus. Er scheint die Dinge aus einer etwas anderen, einer Art Vogelperspektive zu betrachten. Vielleicht liegt das ja an seiner bewegten Biografie zwischen den Kulturen. Nachdem er mit fünfzehn Jahren Samoa verlassen hatte, ist er nie wieder ganz dorthin zurückgekehrt. Sechs Jahre lebte er bei einem Priester in Auckland, er studierte Philosophie und Politologie, über ein Jahr lebte er bei Indianern in kanadischen Reservaten, unterrichtete dort und lernte indianische Tänze. Später lebte er in den USA und Europa und für ein Jahr in Japan.
Ponifasios Mau-Company besteht nur aus Tänzern, die wie er ihre pazifischen Heimatinseln verlassen haben – Menschen zwischen den Ländern und Kulturen. Die Stücke, die er mit ihnen entwickelt, speisen sich zunächst einmal aus den eigenen alten Tanztraditionen. Wobei „alt“ die Sache nicht trifft, denn die Kontexte, in die er diese Tänze stellt, sind radikal zeitgenössisch. „In Samoa“, so Ponifasio, „haben viele Häuser keine Wände. Sie sind durchlässig für jedermann.“ Es ist wichtig, sich zu öffnen, sich einzustimmen, mit der Gruppe zu verschmelzen. Sein eigenes Elternhaus in der Hauptstadt Apia, der einzigen Stadt des Landes, war ein Versammlungsort für Beratungen, für christliche Rituale und für samoanische Zeremonien. Lemi Ponifasios Kindheit war von den spirituellen Gesängen in seinem Elternhaus bestimmt. Aber gleichzeitig klebten Plakate von Batman und Bruce Lee an den Wänden seines Schlafzimmers.

97 Prozent der Samoaner sind Christen. Aber missioniert, findet Ponifasio, wurden sie nicht. Eher haben sie das Christentum samoanisiert. Schließlich weissagte Nafanua, die Göttin, an die die Samoer vor der Christianisierung glaubten, dass irgendwann ein neuer Gott kommen werde, der stärker sei als sie. „Und als diese blauäugigen, weißhäutigen Wesen, die wir ‚Papalangi‘ nannten, auf Samoa landeten und von ihrem Jesus erzählten“, sagt Lemi Ponifasio grinsend, „wussten wir sofort: Der neue Gott ist da.“ Eleganter lässt sich die Religion von Kolonialherren nicht adaptieren – und gleichzeitig unterlaufen. Natürlich, die europäischen, amerikanischen und neuseeländischen Kolonialherren haben furchtbare Gräueltaten angerichtet, auch auf Samoa. Aber eine Sicht auf die Geschichte, die die Welt fein säuberlich in Opfer und Täter einteilt, ist Ponifasio zu einfach.

Ponifasio hat sich weit von Samoa entfernt, einerseits. Gleichzeitig ist er dort nach wie vor tief verwurzelt. Von Auckland, dem Sitz seiner Mau-Company, sind es nur wenige Stunden bis nach Samoa. Es ist wie das Reisen von einer Stadt in die andere, erklärt er. Aber was es mit seinen Titeln „High Chief of Samoa“ und „Sala“ nun genau auf sich hat, dazu will er nicht allzu viel sagen. Es ist sowohl politisch als auch spirituell, sie trennen das auf Samoa alles nicht so. Kunst, Religion und Politik, alles gehört dort zusammen. Genau so macht es Lemi Ponifasio in seinen Stücken. Mit ihnen ist der Choreograf auf der halben Welt unterwegs. Auf Samoa, in seiner Heimat, zeigt er sie nicht. „Es gibt keinen Grund dafür, sie brauchen sie nicht“, sagt Lemi Ponifasio. 

Text. Michaela Schlagenwerth
Foto: Lemi Ponifasio

„Tempest: Without a Body“
Volksbühne, 28. und 29.8., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

 

 

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