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„Tanzender Wahnsinn“ von Peter Laudenbach

Peter Laudenbach
Dass eine Stadt ein Festival von Leuten, die „vom tanzenden Wahnsinn befallen sind“ (Sokrates), auch noch finanziert, statt es zu verbieten, wäre für den antiken Denker ein sicheres Zeichen ihres moralischen Verfalls gewesen. Aber nicht nur Tänzer üben ihre Kunst „nicht bei vernünftigem Bewusstsein“ aus, auch alle anderen Künstler haben, zumindest wenn sie etwas taugen, in Sokrates’ Augen den Verstand verloren und geben sich ihrer Kunst „als Begeisterte und Besessene“ hin. Das hat fatale Folgen für den Zuschauer, der solange hinsieht, „bis er begeistert worden ist und bewusstlos und die Vernunft nicht mehr in ihm wohnt“.
Schöne Vorstellung, eigentlich: Dass große Kunst uns den Alltagsverstand wegbläst und eine eigene Wirklichkeit herstellt, die mit dem Klein-Klein der Normalität schlicht nicht kompatibel ist. Vielleicht war Sokrates vor zweieinhalbtausend Jahren mit seinem Respekt vor der Kraft der Kunst wesentlich weiter als all die Unterhaltungsdienstleister unserer Tage, die politisch korrekten Sozialpädagogen, die aus dem Theater am liebsten eine Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung machen wollen, die Theater-Servicekräfte oder die ehrgeizigen, gratisradikalen Systemkritiker, die versuchen, aus ihrer Trivialkritik am Kapitalismus eine Karriere zu basteln.“

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