Theater

Tanzfestival Context #6 im HAU

Singular SensationViele der Tanzstücke von Yasmeen Godder handeln vom Krieg, und alle Stücke drehen sich um Gewalt. Die Choreografin ist in Israel geboren, in New York aufgewachsen und 1999 wieder zurück nach Israel gezogen. Immer gibt es etwas merkwürdig Schemenhaftes in ihren Arbeiten, etwas Gleitendes, nicht zu Fassendes. Eine Gewalt, die nicht unbedingt jemandem direkt zuzuschreiben ist, die aber gerade dann die Godder-Akteure noch grausamer erscheinen lässt. Am Anfang, wenn sie auf die Bühne treten, mögen sie noch über so etwas wie festgefügte Identitäten verfügen, am Ende ist nichts mehr davon übrig.

Yasmeen Godders neueste Arbeit heißt „Singular Sensation“ und wird das sechste Context-Fes­­tival im HAU eröffnen. Als Gastkuratoren hat die neue Tanzchefin Pirkko Husemann zwei in der Stadt nicht ganz unbekannte Choreografen eingeladen: Meg Stuart und Jeremy Wade. „Politics of Ecs­tasy“ haben die beiden als Thema gewählt – und wer, wenn nicht Godder, sollte da für die Eröffnung infrage kommen.
„Strawberry Cream and Gunpowder“ hieß das erste Stück, das von Yasmeen Godder in Berlin zu sehen war. Damals sorgten die Folterfotos Singualr Sensationaus Abu Ghraib weltweit für Entsetzen. Das debile Lächeln von Private Lindy Annis, die irakische Gefangene nackt an der Hundeleine spazieren führte. Die schwarze Kapuze eines mit Elektrokabeln verdrahteten nack­ten Mannes. Godder hat nicht versucht, was auch nur peinlich gewesen wäre, die Leiden der Opfer auf der Bühne auszustellen. Ausgangspunkt für „Strawberry Cream and Gunpowder“ waren psychologische Tests, die Anfang 2002 mit palästinensischen und New Yorker Kindern durchgeführt worden waren. Die Tests hatten ergeben: Auch Kinder, die selbst nicht Opfer der Gewalttaten des israelisch-palästinensischen Konflikts oder des Terrorangriffs auf die New Yorker Twin Towers am 11. September gewesen waren, zeigten schwere traumatische Störungen. Die Kinder waren allein durch die Medien und durch die Reaktionen und Erzählungen der Erwachsenen mit Gewalt in Berührung gekommen. Was bedeutet es in einer Mediengesellschaft, in der jeder ständig Zeuge aller Unglücke der Welt wird, wenn allein durch Gewaltbilder Traumata hervorgerufen werden können? Was macht es mit uns? Wie setzen sich die Traumata in uns fest?
Godders neues Stück „Singular Sensation“ fragt nur scheinbar nach etwas anderem: Nach unseren persönlichen Superhelden, nach den Selbstbildern, die wir uns schaffen, nach unseren verrücktesten Fantasien. Die aber sind alles andere als gemütlich. Es sind nämlich in gewisser Weise, nur aus ganz unterschiedlichen Richtungen, immer wieder die gleichen Fragen, die Godder einzukreisen versucht. „Am Ende des Exzesses“, so schrieb die israe­lische Kritik über „Singular Sen­sation“, „bleiben eine besudelte Bühne und ein sprachloses Publikum zurück.“

Singualr SensationBesonders gemütlich dürfte es auch in den anderen Stücken des Festivals nicht zugehen. Jeremy Wade arbeitet mit seinen grotes­ken Alltagsverzerrungen an ähnlich extremen Gewalterfahrungen wie Godder. Sein neues Stück „I offer myself to thee“ handelt von der halluzinogenen Kraft positiver Emotionen, harmlos wird das sicher nicht. Noch weniger gilt das für „Freedom of Information“, einer Performance, die Miguel Gu­tierrez erstmals am 31. Dezember 2001 durchführte. Als Reaktion auf die US-amerikanische Invasion in Afghanistan. Der Titel bezieht sich auf das gleichnamige Gesetz, das allen US-Bürgern das Recht gibt, Einblick in unveröffentlichte Staats­dokumente und -informationen zu nehmen. Die Regeln von Miguel Gu­tierrez’ Aktion sind ebenso radikal wie simpel: Der Choreograf und Tänzer bewegt sich 24 Stunden lang ununterbrochen mit verschlossenen Augen und Ohren in einem leeren Raum. Wie recht er mit seinem Kriegskommentar haben sollte, konnte er bei der Premiere noch nicht ahnen. Präsident Bushs Schreckenscamps Camp X-Ray und das folgende Camp Delta auf Guantбnamo Bay öffneten erst einige Wochen später. Natürlich gibt es auch noch jede Menge Theo­rie, Konzerte, Improvisations-Sessions mit Stuart und Wade und Gäs­ten. Und einen Abend mit Filmen von Christoph Schlingensief.

Text: Michaela Schlagenwerth

Fotos: Tamar Lamm

Context #6 Fr 23. bis Fr 31.1.
Singular Sensation im HAU,
Karten unter 25 90 04 27

Mehr über Cookies erfahren