Theater

Endspurt: Tanztage 2010 in den Sophiensaelen

Tanztage_Hermann_HeisigMit einem Take-Away-Cappuccino in der einen und einem Croissant in der anderen Hand morgens durch die Stadt zu has­ten und dabei über das Microport des Handys bereits erste Arbeitsgespräche zu führen, das gilt ja inzwischen als durchaus normal. Mails schreiben und dabei gleichzeitig telefonieren ist sowieso selbstverständlich. Mul­ti­tasking als nervöse Überlebensstrategie. Doch obwohl sich die Akteure dabei supereffizient fühlen – sie sind es nicht. Längst hat die Wissenschaft in zahlreichen Versuchen belegt: Es ist entschieden effizienter, sich allein auf eine Sache zu konzentrieren. Denn das menschliche Gehirn kann zwar in Bruchteilen von Sekunden von einer Sache zur anderen switchen, es kann aber nicht gleichzeitig auf mehrere Dinge reagieren. Wer Auto fährt und gleichzeitig telefoniert, der ist in seinen Reaktionen etwa so verlangsamt, als hätte er 0,8 Promille im Blut.

Themselves already Hop!“ heißt das Stück, in dem der Tänzer und Choreograf Herman Heisig vier Darsteller in eine Art Versuchslabor steckt, um mit Mitteln des Tanzes Neues über das Multitasking herauszufinden. Die wissenschaftlichen Forschungen haben ihn dabei nur mäßig interessiert, sondern eher die Frage, warum uns Multitasking so reizt, wo die Lust liegt, die Herausforderung für den Körper, und was dabei überhaupt mit der menschlichen In­teraktion passiert. Wie verändert sich unsere Kommunikation, unser Miteinander, wenn Körper und Geist auf Autopilot stellen, um die Vielzahl gleichzeitiger Aufgaben zu bewältigen? Was, wenn vier Multitasker unterschiedlichsten Charakters in einem Raum aufeinan­dertreffen? Vielleicht passiert dann gar nicht mehr sehr viel, aber auf jeden Fall kommt etwas irgendwie anderes zustande.

Insgesamt 21 Produktionen präsentieren die Tanztage in den Sophiensaelen in diesem Jahr. Und viele sind von einem ähnlichen, neugierig-lustigen Forschergeist durchdrungen, wie Heisigs „Themselves already Hop!“ Die schwedische Tänzerin und Choreografin Rosalind Goldberg etwa fragt sich in ihrem Solo „Suites with Rosalind„, wie sie den eigenen festgefahrenen Gewohnheiten entkommen, ja, wie sie überhaupt erst mal wahrnehmen kann, wo ihre eigenen Grenzen liegen. Tanztage_LayesAlso hat sie sich von 26 Kollegen Aufgaben stellen lassen, die sie zu Bachs Französischen Suiten umzusetzen versucht. Zweieinhalb Tage hat sie mit jeder Aufgabe experimentiert, um in einem zweiten Schritt aus all dem ein Stück zu choreografieren, wie es allein in Eigenarbeit nie zustande hätte kommen können.
Es gibt auch ein Stück, das sich mit dem genauen Gegenteil beschäftigt. In Clйment LayesAllege“ geht es um das Experimentieren mit choreografischen Einschränkungen, mit engen Rahmenbedingungen und Grenzen. In anderen Arbeiten wird der Körper als Objekt ge­gensätzlicher Kräfte (Aufstieg/­Schwerkraft, vorwärts/ rückwärts) untersucht, wie in Kat Vбlasturs „So many Gens Dark“. Oder man befasst sich mit dem Sprung als solchem, mit seinen physischen und sozialen Implikationen, wie in „A white rhythm section“ von Stina Nyberg.
Die gesamten Tanztage scheinen sich in ein einziges großes Versuchslabor für Alltagsphänomene verwandelt zu haben. Nein, sagt der Kurator Peter Pleyer, eine Themenvorgabe habe es nicht gegeben. Jeder der jungen Choreografen habe geschickt, womit er sich gerade beschäftigt. Daraus wurde dann für das Festival ausgewählt. Auch um ein spezifisches Phänomen in der Berliner Tanzszene handelt es sich nicht, denn diese scheint in einem engeren Sinn gar nicht mehr zu existieren: Aus unterschiedlichsten Ländern kommen die Beteiligten sowieso, aber in den meisten Projekten haben sich auch Künstler mit unterschiedlichsten Wohnsitzen zusam­men­getan. Der eine wohnt in Stock­holm, die Nächste in Paris und eine in Berlin. Sich kennengelernt und die Idee für ein gemeinsames Stück entwickelt hat man oft während internatio­naler Residenzen oder anderer Ausbildungsprogramme…

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