Theater

Tanztage 2010 in den Sophiensaelen – Teil 2

Tanztage_OrlikSie sei nach Berlin gezogen, sagt etwa die Schwedin Rosalind Goldberg, weil hierher „alle“ mal für ein paar Monate kämen. Die Szene, auch die ganz junge, wie sie die Tanztage ja präsentieren, ist längst europäisch vernetzt – westeuropäisch. „Osteuropäer allerdings“, sagt der Kurator Peter Pleyer, „gibt es in diesem Netzwerk kaum.“ Der Grund: Für polnische oder tschechische Choreografen ist eine Stadt wie Berlin schlicht zu teuer. Das gilt schon allein für das Zugticket hierher.
Um etwas Abhilfe zu schaffen, hat Pleyer das „Poznan Projekt“ gegründet. An einem Abend werden drei Soli von jungen Choreografen aus Polen präsentiert. Dort, in Poznan, gibt eine Stifterin dem Produktionshaus Stary Browar jährlich eine bestimmte Summe, damit es Tanzproduktionen aus dem Ausland zeigt und die eigene Tanzszene fördert. So konnte die Kuratorin Joanna Lesni­rowska 2006 das „Solo Project“ gründen, das erste Residenz-Programm für junge Choreografen in Polen. Drei jungen polnischen Choreografen steht der Ort seitdem jährlich zur Verfügung, um dort eigene Soloarbeiten zu entwickeln und zu präsentieren. Gecoacht wurden die drei jungen polnischen Choreografen in diesem Jahr von Hooman Sharifi. Einem Künstler, der seinen Wohnsitz in Oslo haben mag, der aber seine Kindheit und Jugend im Iran verbracht hat und sich entsprechend wenig für Nabelschauen interessiert. Was noch lange nicht heißt, dass das auch für die Solisten aus Poznan gilt.

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Denn so nett und auch interessant jedes einzelne Thema auch klingen mag, in der Gesamtschau liest sich das Tanztage-Programm insgesamt wie die große Nabelschau von Kindern einer Wohlstandsgesellschaft, die satt und zufrieden über den eigenen Deckelrand nicht mehr hinausschauen. Politische Themen jedenfalls sind im Programm – jenseits der modischen und allseits beliebten Gender-Themen – nicht zu finden. Aber auch wenn man das für ein nicht unerhebliches Problem halten mag – für das künstlerische Gelingen heißt das am Ende nichts. Ein vorzüglicher Ruf geht etwa dem im August in Zürich uraufgeführten Duett „Title“ von Laura Kalauz und Martin Schick voraus. Es geht um Missverständnisse, um irrationale Kommunikation, um Sprachspiele, die von der Philosophie Wittgensteins inspiriert sein mögen, aber so witzig sind, dass sie aus einer britischen Comedy-Show stammen könnten.

Auch auf Hermann Heisigs Multitasking-Spiel „Themselves already Hop!“ darf man unbedingt gespannt sein. Als 15-Jähriger hat Heisig beim Festival Euroscene in Leipzig den Publikumspreis beim Wettbewerb „Das beste deutsche Tanzsolo“ gewonnen. Mit Tanz hatte Heisig bis dahin überhaupt nichts zu tun gehabt. Er hat als kleiner Gymnasiast teilgenommen, einfach so, weil es keine Ausschlusskriterien gab und er das mal ausprobieren wollte. Mit einem Solo, das nicht von Tanz, sondern von Helge Schneider und anderen Komikern inspiriert war. Und die schon damals im eigenen Saft schmorende Tanzszene war offenbar dankbar für den Input von außen. Zuletzt hat Heisig unter anderem bei Frank Castorfs und Meg Stuarts „Die Maßnahme/Mauser“ mitgemacht. Für Tanz im herkömmlichen Sinn ist sein Körper nicht unbedingt gemacht. „Also“, sagt er, „muss ich andere Wege suchen.“

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Text: Michaela Schlagenwerth
Fotos: MichalLuczak, Julia Jadko

Tanztage Sophiensaele, 3. bis 13. Januar,
Karten unter 283 52 66

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