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Tanztage in den Sophiensaelen

Tanztage in den Sophiensaelen

Er war taubstumm, jüdisch und schwul. In den 1920er-Jahren verwandelte sich der Deutsche mit dem schönen Namen Julius Hans Spiegel in einen indonesischen Tänzer. Im damaligen Berlin war er ein bunter Hund, bis er 1934 nach Capri emigrieren musste. Der Legende nach war er einem ominösen Prinzen aus Java begegnet, der ihm Tänze seiner Heimat beibrachte und eine reiche Sammlung ostasiatischer Masken und Gewänder hinterließ. Spiegel trat als fernöstlich gewandeter Fremdling in Berliner Kabaretts, Varietйs und Revuen auf, bei den „Sturm“-Abenden der Expressionisten und in Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft. Seine japanischen, indischen, indonesischen und chinesischen Schritte in originalen Masken und Kostümen wirkten authentisch. Er war der bewunderte Fremdling aus deutschen Landen, der ein arkadisches Gegenbild zum städtischen Leben entwarf.
2014 gründeten die Tanzdramaturgin Anna Wagner und der Berliner Tanzwissenschaftler Eike Wittrock in Freiburg ihr Julius-Hans-Spiegel-Zentrum zu Ehren jenes exotischen Märchenprinzen. Zu den Tanztagen hat das Zentrum seinen Sitz in die Sophiensaele verlegt. Hier möchte man diskutieren, wie es um unsere Sehnsucht nach und um unsere Ängste vor dem Fremden bestellt ist. Wie ein Klassenzimmer, so klein wirkt das Zentrum an der Rückseite der Sophiensaele – es könnte einer der spannendsten Orte der Tanztage werden, geht es doch um aktuelle Fragen: Darf heute überhaupt noch etwas fremd sein?
Fünf Künstler haben hier ihre Residenz bezogen. Mit dabei: der deutsche Choreograf Julian Weber, der im Foyer der Sophiensaele erwägt, zum üblichen ethnografischen Ausstellungsdesign auch solch exotische Objekte wie einen Vibrator hinzuzufügen. Die Serbin Dragana Bulut thematisiert in ihren Performances gern die Angst vor der Fremde und ihre Weigerung, Opfer sein zu wollen. Sara Mikolai aus Sri Lanka betreibt eine ausdrückliche „Kunst der Diaspora“, um sich kollektiv jenen Moment zu ertanzen, wo „Trauer in Protest“ umschlägt, wie sie es nennt. Die Tänzerin Tümay Kilinçel und die Künstlerin ?Nuray Demir, beide türkischstämmig, wollen sich einen Schutzraum schaffen, in dem die konventionelle Erwartung an „orientalische Tänze“ in einem utopischen Miteinander aufgehen könnte. Es geht bei den Tanztagen diesmal, nebst dem Hauptprogramm des von Anna Mülter geleiteten Festivals für Nachwuchschoreografen, ans Eingemachte unserer eigenen Haltung zum Exotischen. Bewundern wir das Fremde nur im Urlaub? Warum halten wir das Fremde in unseren Straßen angeblich weniger gut aus? Antworten gibt nebst dem Julius-Hans-Spiegel-Zentrum auch das Colectivo AM aus Mexico City, das nach einer „möglichen Geschichte des Körpers“fahndet, die nicht mehr zwischen schwarz oder weiß unterscheidet, fremd oder angepasst, Tourist oder Flüchtling. Sondern die Buntheit der Welt genießt wie ein exotischer Paradiesvogel.    

Text: Arnd Wesemann

Foto: Gustavo Camilo

Sophiensaele Do 7. – So 17.1.. Täglich ab 18 Uhr werden Arbeiten des Julius-Hans-Spiegel-Zentrums bei freiem Eintritt gezeigt. Tickets und Programm zu allen Vorstellungen unter www.sophiensaele.com, ?Kartentelefon: 28 35 266

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