Theater

„Tape“ in den DT-Kammerspielen

TapeEs hätte das Stück der Stunde zu den aktuellen Boulevard-Aufregern sein können: Strauss-Kahn! Kachelmann! Julian Assange! „Tape“ des US-Dramatikers Stephen Belber dekliniert geschickt die einschlägigen Fragen durch: Wo hört einvernehmlicher Sex auf? Was, wenn sich plötzlich zwei Wahrheiten gegenüberstehen, Aussage gegen Aussage? Vince und Jon, zwei Highschulfreunde, treffen sich zehn Jahre später noch einmal in einem billigen Motel-Zimmer. Vince, ein Verlierer, der bei der Feuerwehr jobbt und nebenbei Drogen vertickt, ist überzeugt, dass Jon, inzwischen ein mäßig erfolgreicher Independent-Kino-Regisseur, an der Highschool bei einem Date die gemeinsame Freundin Amy vergewaltigt hat. Jon streitet ab, gibt zu, streitet ab. Was folgt, ist trivialisierte Ibsen-Dramaturgie, bei der die Lebenslügen von damals mühsam ans Licht gezerrt werden.
Stefan Pucher hat dieses Well-made-Play an den Kammerspielen des Deutschen Theaters metiersicher und eher routiniert als inspiriert inszeniert. Die übliche, hier einigermaßen sinnfreie Verdopplung per Live-Video kann man als Hommage an die Fernsehspiel-Ästhetik der Veranstaltung sehen. Bernd Moss, das Lächeln stets so poliert wie die Schuhe, macht aus Jon einen glatten Narzissten, Felix Goesser aus Vince einen verschwitzt Zukurzgekommenen, der jetzt endlich auftrumpfen will.
Eine tolle Volte ist der Auftritt von Nina Hoss als souverän gut gelaunte Amy, die sich über Vinces Opferzuschreibung, über Jons Gedruckse, über diese ganze würstchenhafte Männer-Kümmerlichkeit sehr kühl amüsiert.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Annehmbar

Tape
DT-Kammerspiele,
wieder in der kommenden Spielzeit

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