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„Tauben – Delfine der Lüfte“ im Mehringhoftheater

FilFil ist gerade nach Berlin zurückgekommen, er hat in Städten wie Fulda und Wiesbaden ein paar Aufwärmgigs mit seinem neuen Programm gegeben. Also, wie war’s? „Na ja“, sagt er in seinem Wohnzimmer, „ich hab’ die Show jetzt offiziell dreimal gespielt, aber wie es bei mir so ist, steht sie noch gar nicht. Leider.“ In Westdeutschland kennt man ihn ja nicht, da konnte er auch ein paar ältere Sachen bringen. Jetzt ist  noch eine Woche Zeit bis zur Premiere im Mehringhoftheater, und meist „fügt sich alles in den letzten Tagen zusammen, in so ’ner Panik. Die eigentlich lustigen Sachen entstehen ja auf der Bühne durch Versuch und Irrtum. Oder eben auch nicht.“ Wie viel ist denn überhaupt vorher festgelegt? „Beängstigend wenig.“ Gut, immerhin den Titel gibt es schon, der ist fast immer zuerst da und lautet diesmal: „Tauben – Delfine der Lüfte“. Er wollte mal was ganz Freundliches, sagt der Künstler.

Fil, bürgerlich Philip Tägert, 44 Jahre alt, ist der unprätentiöseste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und in Berlin längst berühmt. Zum einen als Veteran der lokalen Comicszene, der er unter anderem   die derb-dadaistischen Schweinenasen-Prolls „Didi & Stulle“ beschert hat. Ihre Berliner Mundart-Eskapaden erscheinen seit 1996 regelmäßig in der Zitty erscheinen und liegen mittlerweile in neun Bänden vor. Fils zweite Karriere: Er tritt als Alleinunterhalter mit schrägen Songs voller Stolperreime und mäandernden Nonsens-Einlagen auf. Wobei er vor allem mit der Handpuppe Sharkey bekannt wurde, als Bauchredner, der nicht bauchreden kann, sondern sich bloß die Finger vor den Mund hält.

Was Fil macht, ist unbeschwerte Volkskunst. Er hat einen grandiosen Humor, der sich aus Alltagsbespöttelung und Berlin-Kolorit, Biografie und Zufall speist. „Didi & Stulle“ sind ins Skurrile überhöhte Widergänger der Biker-Raubeine des Märkischen Viertels, wo Fil als Punk aufgewachsen ist. Und Sharkey, der Stoffhai, erwachte während einer durchgemachten Nacht in der Scheinbar zum Leben, wo Fil die Mädels mit dem kleinen Klugscheißer ärgerte. „Und alle meinten: Iiieh, ist der eklig! Der war, glaube ich, nie wieder so lustig wie da.“

Fil wollte immer auf die Bühne. Mit 14 spielte er in einer Punkband, die Kollektiv Antiserum hieß. Leider litt der erste Auftritt etwas unter einem derangierten Fil: „Ich war besoffen, weil ich dachte, man muss als Punk besoffen sein.“ Als ihm nach drei Songs eine Gitarrensaite riss, war Feierabend. Flaschen flogen, die Band löste sich auf. Nicht viel später wurde er gefragt, ob er Lust hätte, bei einer Lesung in einem besetzten Haus in der Zinnowitzstraße mitzumachen. „Alle anderen hatten mehr Selbstbewusstsein als ich, aber ich hatte das Glück, dass mich alle mochten.“ Und so ging es weiter. Er hat nie eine Ausbildung beendet, kein Handwerk gelernt. „Ich bin zehn Jahre aufgetreten, bevor ich überhaupt Gitarre spielen konnte.“ Manchmal merkt er noch heute, dass ihm gewisse Fertigkeiten fehlen, auch beim Zeichnen. Das mache ihn ganz irre, wenn er zum Beispiel denke, „dieses Gesicht habe ich superelegant hingekriegt, und dann muss ich einen Schrank malen und kann das gar nicht.“

Noch bis Mitte 30 hat er sich manchmal gefragt, was er eigentlich von Beruf werden soll. Der Erfolg nahm ihm die Entscheidung ab. „Didi & Stulle“ schlugen durch, seine Sharkey-Auftritte waren immer ausverkauft, im Mehringhoftheater, in der Kalkscheune, im Tränenpalast. Er verdient jetzt okayes Geld, und er hätte noch weit mehr verdienen können. Wenn er Fernseh-Comedian geworden wäre. Diese Angebote hat er  ignoriert. Fil blieb lieber der ewige Geheimtipp. Fil, Vater einer Tochter, wohnt in Prenzlauer Berg, führt ein bescheidenes Bohemienleben und schreibt Spottlieder auf die Prenzlauer-Berg-Eltern, а la „Mein Kind ist geiler als dein Kind“. Gegraust hat es ihm immer davor, zum Sklaven des eigenen Erfolgs zu werden. Das war auch der Grund, warum er vor drei Jahren Sharkey sterben ließ. Seitdem gibt’s den Hai nur noch zweimal im Monat mit einer Gedächtnis-Show. „Ich habe dadurch ein Drittel weniger Zuschauer“, sagt Fil. Am Anfang seien die Leute ausgerastet: „Eine Frau ist wirklich durchgedreht, die lief durch die Stuhlreihen und schrie: ‚Sharkey, Sharkey!’ Aber die war halt auf irgendwas hängen geblieben.“ Aber Fil selbst fand die letzten drei Shows ohne Sharkey besser. „Die Freiheit der relativen Erfolglosigkeit ist ja, dass du machen kannst, was du willst.“

Text: Patrick Wildermann

Tauben – Delfine der Lüfte Mehringhoftheater, 26.10. bis 20.11, Di bis Sa, 20 Uhr

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