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„Tee im Harem des Archimedes“ am Deutschen Theater

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Leben in der Fremde und in der Ilegalität: Szene mit Marof Yaghoubi, Süheyla Ünlü und Ibrahima Baldй

Verfilmte, zu Romanen verarbeitete oder auf die Bühne gebrachte Flüchtlingsschicksale sind seit einigen Jahren ein eigenes Genre des Kulturbetriebs, irgendwo zwischen Betroffenheitskonsum, Dokumentation und politischer Empörung. An den realen Verhältnissen ändert diese Art der Anteilnahme nichts. Der gleiche Staat, der einschlägige Theateraufführungen und Filme subventioniert, sorgt auch für eine rüde, selbstverständlich demokratisch legitimierte Abschiebepraxis. Am liebsten sind uns illegale Migranten offenbar in den Erzeugnissen der Kulturindustrie. Wenn sie uns in Form von Dealern im Görlitzer Park oder bettelnder Roma in der U-Bahn begegnen, wird es mit Sympathie und Toleranz schwieriger.

Ein Beispiel für diese praktizierte Schizophrenie aus Mitleidkonsum und eher mitleidloser Flüchtlingspolitik erlebte der bosnische Roma Nazif Mujic. Dass er für einen Film, der den verzweifelten Überlebenskampf seiner Familie zeigte und in dem er sich als Laiendarsteller selbst spielte, im vergangenen Jahr als Schauspieler den Silbernen Bären der Berlinale erhielt, änderte nichts an seinem Aufenthaltsstatus: Noch immer lebt seine Familie in einem Flüchtlingsheim am Rand Berlins und muss jederzeit damit rechnen, abgeschoben zu werden. Zynisch könnte man sagen: Wenn wir unseren Wohlstand schon nicht teilen wollen, sind die Flüchtlinge wenigstens dazu gut, uns im Kino oder anderen Medien Momente der Rührung zu bescheren. Zumindest ein zynisches Vorführen von Migrantenschicksalen zum Zweck des Mitleidkonsums kann man Nuran David Calis nicht vorwerfen.

Er inszeniert in den Kammerspielen des Deutschen Theaters „Tee im Harem des Archimedes“, ein Roman des algerisch-französischen Autors Mehdi Charef, der in den Banlieues von Paris spielt. Charefs Verfilmung seines Romans war in den achtziger Jahren ein wichtiger Film des sozialrealistischen Autorenkinos. Calis hätte also alle Zutaten für einen netten, kleinen Migrationreißer gehabt: Sympathische Kleinkriminelle mit Migrationshintergrund, ohne Perspektive, aber mit Lebensgier, soziale Härte und den derzeit gut verkäuflichen Appeal von Kritik an der Mehrheitsgesellschaft. Eine passende Besetzung hätte sich im DT-Ensemble schon gefunden.

Calis Inszenierung ist eine einzige Polemik gegen diese Verwertung von Flüchtlingsgeschichten im Medium des Theaters oder anderer Künste. Seine Aufführung überfordert Theater und Publikum systematisch. Genau so wie die nicht gelösten Fragen im Umgang mit der Migration diese Gesellschaft und ihre humanistischen, toleranten und von konsequentem Selbstbetrug stabilisierten Selbstbilder überfordern. Die Banlieue-Geschichte wird immer wieder von den Lebensgeschichten der Darsteller unterbrochen Die beiden Banlieue-Jugendlichen werden am Deutschen Theater von zwei Migranten gespielt, die illegal nach Deutschland gekommen sind, dem Afghanen Marof Yaghoubi und Ibrahima Baldй aus Guinea, Westafrika, ein von einem brutalen Militärregime regiertes Land. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 42 Jahren, das durchschnittliche Einkommen bei weniger als 400 Euro im Jahr. Baldй war 15, als er sich vor drei Jahren auf den langen Weg nach Europa gemacht hat. Die Grenze von Marokko nach Spanien überquerte er versteckt in einem Auto. Hätten ihn die Grenzpolizisten gefunden, hätten ihn die Marokkaner wahrscheinlich in der Wüste ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen, er wäre verdurstet.

DT_tee_im_harem_des_archimedes_8750_c_ArnoDeclairHeute ist sein Aufenthaltstatus ungeklärt, er befindet sich in einem schwebenden Verfahren und muss damit rechnen, abgeschoben zu werden. Weil er keine Arbeitserlaubnis hat, ist sein Auftritt nicht ganz unkompliziert: Die Leitung des Deutschen Theaters, immerhin eine Einrichtung des Landes Berlin, hat sich bewusst, konsequent und einfach integer in eine rechtliche Grauzone begeben, damit Ibrahima Baldй auf Bühne stehen und aus seinem Leben berichten kann. Wenn man findet, dass diese Gesellschaft sich den Migranten, mit allem, was das an Komplikationen bedeutet, stärker öffnen solle, muss man das zumindest in der eigenen Institution vormachen. Alles andere würde bedeuten, Flüchtlingsgeschichten einfach zum Schicksalskonsum anzubieten.

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Der Afghane Marof Yaghoubi hat schon in einem griechischen Film über illegale Migranten mitgespielt, „Man at Sea“. Aber auch das hat ihm, wie dem Roma Nazif Mujic, natürlich keinen sicheren Aufenthaltsstatus beschert. Marof Yaghoubi ist vor neun Jahren aus Afghanistan geflüchtet, da war er 16 Jahre. Er floh über den Iran in die Türke, in Griechenland wurde er von Rechtsradikalen zusammen geschlagen. Ein Mann wollte die Polizei und Ärzte rufen, da ist er blutüberströmt weggerannt. Die Polizei hätte ihn als Illegalen verhaftet. Ob seine Angehörigen noch leben, weiß er nicht. Er darf Berlin nicht verlassen, sein Rechtsstatus: geduldet, mit beschränkter Arbeitserlaubnis. Ein Paradox: Er muss hoffen, dass der Krieg in Afghanistan nicht abflaut. Wenn die Bundesregierung beschließt, dass Afghanistan „sicher“ sei, muss er damit rechnen, abgeschoben werden. „Wenn mich die deutsche Regierung nach Afghanistan schickt, bin ich tot“, sagt er im Gespräch. „Ich wünsche mir, mich einen Tag wie ein Mensch zu fühlen, ohne Angst.“

Eine Stärke der szenisch über weite Strecken hilflosen Inszenierung sind die großartigen Musikern Ketan und Vivan Bhatti. Süheyla Ünlü spielt ihre Sozialghetto-Braut kraftvoll und direkt. Christoph Franken macht in wechselnden Rollen mal den Erzähler, mal recht überzeugend einen schmierigen Puff-Gänger, mal demonstriert er selbstlos, dass er keine Scheu davor kennt, sich als wilder Mann und Performer des Grauens zu blamieren. Die eigentliche Qualität der Inszenierung liegt im Einbruch der Wirklichkeit ins Spiel und darin, dass das Theater zum Ort der Konfrontation der Mehrheitsgesellschaft mit Menschen wird, die in diesem Land leben wollen, und die dieses Land nicht will.    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Annehmbar

„Tee im Harem des Archimedes“ Deutsches Theater Kammersp., Mo 24.2., 19 Uhr, Di 11.3., 19.30 Uhr, Karten-Tel.: 28 44 12 25

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