Theater

Teil 2: Festivalkuratorin Frie Leysen im Gespräch

Das heißt, es ist eine Aufgabe der Berliner Festspiele, große Arbeiten bedeutender internationaler Künstler zu zeigen, die andere Veranstalter in der Stadt nicht präsentieren können, zum Beispiel weil sie nicht den nötigen Etat haben?
Ja, ich finde es ist ein Aspekt unserer Aufgabe, Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz zu zeigen. Ich mache das Festival nicht für einen inzestuösen Insider-Club, sondern für das Berliner Publikum. Deshalb stört es mich überhaupt nicht, dass man Stücke von Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz überall auf der Welt auch auf anderen Festivals sehen kann. Aber es geht mir nicht um die großen, berühmten Namen, es geht mir um die Kunst. Ich glaube, ich habe bei der Pressekonferenz gesagt, nicht jeder große Name ist ein großer Künstler. Und nicht jeder große Künstler ist ein großer Name. Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz sind beides – große Künstler und berühmt.

Ein Haus mit 1?000 Plätzen mit Gastspielen vieler eher unbekannter Künstler zu bespielen, ist nicht ganz ohne Risiko. Was machen Sie, wenn das Publikum ausbleibt?
Das hoffe ich nicht! Normalerweise braucht man drei Jahre, um ein neues Festival zu etablieren. Ich habe nur ein Jahr, nächstes Jahr übernimmt Matthias von Hartz „Foreign Affairs“. Aber ich wollte keine Kompromisse machen. Deshalb mache ich zum Beispiel Hausbesuche und versuche alles, um zu kommunizieren, was wir hier vorhaben. Ich glaube, dass Berlin sehr wach ist und dass die Leute schnell mitkriegen, dass hier etwas Spannendes geschieht.

Der Regisseur Alvis Hermanis ist kein großer Fan Ihrer Festivals. „Diese Obsession für Multikulti-Theater aus exotischen Ländern mit postimmigrantischem Pathos erinnert mich an die Sowjet-Ära in kommunistischen Ländern, wo Politiker nur proletarische Ideologie unterstützten, der Kunst und Professionalität geopfert wurden“, hat er über Sie gesagt. Nicht sehr nett, oder?
Ich verstehe ihn nicht. Ich mache kein Multikulti. Ich weiß auch nicht, was „postimmigrantisches Pathos“ sein soll. Eigentlich will ich darauf nicht reagieren. Ich finde, so ein Satz ist eine Beleidigung für die Künstler, die hier auftreten. Anne Teresa de Keesmaeker oder Boris Charmatz oder Romeo Castellucci oder Brett Bailey als „Multikulti-Theater aus exotischen Ländern mit postimmigrantischem Pathos“ zu beschimpfen, ist eine unglaubliche Arroganz. Und es trifft nicht zu.

Hermanis konstruiert einen Gegensatz zwischen Ideologie und professioneller Kunst. Sehen Sie diesen Gegensatz?
Wenn ein Festivalleiter oder Kurator ein Thema vorgibt, nach dem sich alle Künstler zu richten und es zu erfüllen haben, es also in diesem Sinne eine Ideologie gäbe, der es zu folgen gelte, dann würde man die Künstler ersticken. Genau deshalb gebe ich kein Thema vor, sondern präsentiere Künstler mit den Themen, die sie selbst bestimmen. Diese unglaubliche Intoleranz gegenüber Künstlern, die etwas anderes machen als man selbst, finde ich nicht akzeptabel. Warum können nicht unterschiedliche Formen von Theater nebeneinander bestehen? Zu sagen, was mir gefällt, das ist Theater, und das was ihr macht, das ist kein Theater – das ist ein Dogmatismus, den ich nicht sehr klug finde. Ich finde es interessant, wenn verschiedene Arten von Theater nebeneinander bestehen, das ist ein großer Reichtum, auch wenn vielleicht nicht alles my cup of tea ist.

Auch der Theaterkritiker der „Welt“ fürchtet schon vor der ersten Premiere von „Foreign Affairs“ die „Theaterfolterkammern der Frie Leysen“. Ärgert Sie das?
Das ist sein gutes Recht. Meine Ambition ist nicht, jedem zu gefallen. Vielleicht wollen wir im Theater viel zu oft viel zu vielen gefallen. Natürlich trifft mich so ein Satz, und ich denke darüber nach, was das bedeutet. Aber wenn solche Artikel nur in der „Welt“ stehen, geht es ja noch.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool

Foreign Affairs 28.9.–26.10., Haus der Berliner Festspiele u.a., www.berlinerfestspiele.de

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