Theater

Teil 2: Lucinda Childs: Weltstar der Avantgarde

/Lucinda-Childs_DANCE_Sally-CohnDamals besuchte Childs viele der New Yorker Konzerte von Philip Glass. „Wir waren alle Teil der gleichen Bewegung“, sagt sie. In der Musik, in der bildenden Kunst, im Theater, im Tanz, überall ging es darum, eine Kunst, die als unzulänglich empfundene Imitation des Lebens verstanden wurde, von persönlichen Schlacken zu befreien, sie aufzulösen in Objektivität, in Klarheit. „Ich mochte Philips Musik, sehr sogar“, sagt Childs, „aber auf die Idee, dass ich sie für meinen Tanz benutzen könnte, bin ich nicht gekommen.“ Bis Robert Wilson sie ansprach, mit dem sie für „Einstein on the Beach“ ein paar Partien für ihre Tänzer und ein kleines Solo für sich selbst verabredete. Aber allein ihr Solo wurde dann 35 Minuten lang, länger als ihre Choreografien davor. „Es ging darum, sich auf die Struktur der Musik einzulassen, sie nicht nur als Background zu benutzen“, sagt Childs, „und das ging bei dieser Musik nur mit viel Zeit.“ Mit Robert Wilson hat Childs seitdem immer mal wieder zusammengearbeitet, unter anderem in dessen Inszenierung von Heiner Müllers „Quartett“ (1987/88) und, an der Seite von Michel Piccoli, in Marguerite Duras’ „La Maladie de la Mort“ (1997/98).

„Einstein on the Beach“ war für Lucinda Childs aber vor allem der Auftakt zu einem neuen choreografischen Schaffen, zu „Dance“ und all dem, was danach kam. Zu Tanzstücken, entwickelt aus der Musik – immer wieder zu Glass, aber auch zu Gуrecki oder Händel – denen gleichzeitig eine mathematische Formenstrenge und eine hypnotische, beglückende Strahlkraft eignet. „Man sollte die Mathematik nicht unterschätzen“, sagt Lucinda Childs dazu nur freundlich und milde an ihrem New Yorker Telefon. Ja, und sicher habe es immer wieder Kritiker gegeben, die ihre Arbeit nicht nur als mathematisch, sondern auch kalt gescholten haben. Aber, so Childs, entstanden sei das Bewegungsmaterial rein intuitiv, aus Improvisationen im Studio, in denen sie sich ganz dem Strudel der Musik überlassen habe. Das dann in eine abstrakte Form zu verwandeln, ohne sich im Geflecht der Komposition zu verirren, das war erst der nächste Schritt.

Das der Tanz im August, immerhin ein Festival des zeitgenössischen Tanzes, mit einem 32 Jahre alten Stück eröffnet wird, wäre noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Denn als zeitgenössisch galt nur, was in den letzten fünf bis zehn Jahren entstanden ist. Das hat sich gründlich geändert. Die Wiederentdeckung der postmodernen Pioniere der 60er und 70er Jahre läuft schon seit einer Weile und ist längst so etwas, wie eine Reise zurück in die Zukunft. In eine Zeit, in der die Künstler radikal neue Setzungen vornahmen, neue Formsprachen entwickelten, die erstaunlicherweise auch nach Jahrzehnten keine Patina angesetzt haben und ganz und gar gegenwärtig wirken. Und die manchmal, bei aller formalen Strenge, so erstaunlich verspielt und leicht und beglückend daherkommen wie „Dance“ von Lucinda Childs.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Peggy Kaplan, Sally Cohn

Dance HAU 1, Fr 12., Sa 13., So 14.8., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27 oder 24 74 98 80

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Übersicht: „Tanz im August 2011“ 

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