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Teil 2: Nicolas Stemann über seine Hamburger „Faust“-Inszenierung

Faust_III_01_c_Arno_DeclairBis zum Ende?
Der sterbende, blinde Faust glaubt, vor seinem inneren Auge blühende Landschaften zu sehen, von Menschen dem Meer abgetrotztes Land. In Wirklichkeit hat diese Landgewinnung zur ökologischen Katastrophe geführt, die Erde ist entvölkert, es gibt nur noch Lemuren, komische zombiehafte Wesen, die nicht, wie Faust glaubt, Dämme bauen, sondern Fausts Grab graben. Aber Faust glaubt, dass die Arbeitsgeräusche, die er hört, vom Dammbau kommen, von der Arbeit der Menschen an der Utopie. Das ist ein ziemlich sarkastisches Bild für menschliche Hybris. Goethe ist da ein genauer Beobachter der einsetzenden Moderne, und das zu einem Zeitpunkt, an dem man erst mal jeden Anlass hatte, das Positive im historischen Fortschritt zu sehen. Was Goethe ja auch tat. Er war nicht nur der Konservative, der von der Französischen Revolution abgestoßen war. Interessant sind doch die Ambivalenzen, zum Beispiel, dass der Teufel so sympathisch und lustig und eine unglaublich tolle Theaterfigur ist. 

Sie haben mit Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ eine sehr offene Theaterform entwickelt und in einer Ihrer letzten Inszenierungen, „Aufhören! Schluss jetzt! Lauter!“ am Deutschen Theater, die Theaterspielregeln prinzipiell infrage gestellt. Wie kommt man von da aus ausgerechnet zu Goethe?
Ganz einfach, wir dachten: Wenn schon Theater, dann richtig. Eine Frage war, wie kann man nach der Öffnung der Theaterform in „Kontrakte des Kaufmanns“ und den Folgearbeiten weitermachen. Soll ich mich noch weiter vom konventionellen Theater entfernen – oder mich ganz im Gegenteil dem klassischen Stück zuwenden. Mit „Faust“ hatte ich einen Text, mit dem beides geht. Der zweite Teil ist das postmoderne Experiment. Das Problem für mich war übrigens weniger, den zweiten Teil spielbar zu machen, als eher, den ersten Teil zu inszenieren, ohne in den naheliegenden Klischees hängen zu bleiben. Ich habe zunächst eine sehr puritanische Ansage gemacht: Im Zentrum steht der Text. Was passiert, wenn wir uns mit diesem Text konfrontieren – zunächst ganz direkt und pur und nicht durch irgendeine Interpretation oder Deutung gefiltert. Am Anfang sieht man einen Schauspieler, der offenbar dazu verurteilt ist, das ganze Stück alleine zu spielen, in einem viel zu großen Raum, in dem er dann viel zu klein ist, um diese Welt zu füllen.

Sie haben die über 200 Figuren, die durch den Text geistern, im ersten Teil auf drei zentrale Protagonisten reduziert …
… im zweiten sind es sechs, dazu kommen dann noch Sänger, Tänzer, Puppenspieler.

Weshalb ist „Faust I“ so monologisch – passiert alles im Kopf des Protagonisten oder in Goethes Kopf?
Der erste Teil ist bei uns im Grunde ein Monolog für drei Schauspieler. Jeder der drei Schauspieler ist dabei für die Zeit, in der er spielt, das ganze Stück, nicht nur eine bestimmte Figur.

Passt das auch zu den Ego-Räuschen, in die sich Faust dauernd reinkatapultiert?
Auf jeden Fall, das ist das große Ego, das die ganze Welt sein will und sich damit überhebt. Darin liegt eine große Hybris, aber auch große Einsamkeit. Alle sind in ihrem Monolog gefangen, selbst Gretchen monologisiert – es dauert zwei Stunden, bis endlich einmal ein Dialog zwischen zwei Spielern stattfindet. In gewisser Weise stellt sich die Frage, ob dieser Faust tatsächlich jemals wirklich aus seiner Studierstube hinausfindet. Und wenn, dann nur im nicht mehr Kommunizierbaren, im Rausch, im Exzess. Die Liebe, das versteht sich, ist so jedenfalls zum Scheitern verurteilt.  

Ist die auf der Bühne wiederholte Behauptung, das sei jetzt der ungestrichene „Faust“ mehr als nur ein guter Witz?
Im zweiten Teil ändert sich dann der puristische Umgang mit dem Text. Während ich im ersten eigentlich kaum gestrichen haben, haben wir im zweiten teilweise ganze Szenen überschrieben, neu gedichtet oder durch Improvisationen ersetzt. Das allerdings immer im engen Kontakt zu dem Stück. Der Witz, dass die ganze Zeit auf der Bühne gerufen wird, es handle sich um „Faust II – ungestrichen“, hat eine gewisse Berechtigung. Wir spielen zwar nicht jede Zeile, aber wir vollziehen jede Bewegung des Stückes nach und sind darin ziemlich werktreu, finde ich. Selbst, wenn die Aufführung an bestimmten Stellen selbstreferenziell wird, geschieht das immer im engen Kontakt zu dem Stück. Goethes Text selbst ist selbstreferenziell, wenn er alle möglichen Theater- und Kunstdiskurse seiner Zeit einbaut – da ist, glaube ich, schon damals keiner mehr wirklich mitgekommen. Goethe-Forscher kennen das Zitat, wo Goethe über „Faust II“ sagt, er wollte einfach aufschreiben, was ihm so durch die Birne rauscht. Er ist in „Faust II“ ungeheuer frei darin, Stillagen und Realitätsebenen zu wechseln. Man hat fast den Eindruck, dass diese besondere Form aus der Überforderung geboren wird. Goethe findet keine formale Entsprechung mehr für die zunehmend disparate Moderne. Manchmal denkt man, das ist ein alter Mann, der reimen kann, die Verse halten das zusammen, alles andere zerfällt. Aber genau das ist das Werk, das ist unglaublich modern, von Expressionismus bis zum Cut-up ist da alles vorweggenommen. Entsprechend outet er sich dann auch in unserer Inszenierung als postmoderner Autor, als postdramatischer Geheimrat.

Sollen wir noch darüber reden, dass aufgeregte Journalisten darüber spekulieren, ob Sie mit der Kulturverwaltung über die Intendanz des Gorki Theaters verhandeln?
Wenn das nicht sein muss, finde ich es ganz elegant, darüber ausnahmsweise nicht zu reden.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Hanns Joosten, Szenenbild: Arno Declair


Über den Regisseur: Nicolas Stemann, 1968 in Hamburg geboren, studierte Regie am Max Reinhardt Seminar und am Institut für Theater, Musiktheater und Film in Hamburg. Seit einigen Jahren tritt er in seinen Inszenierungen selbst als Musiker und Performer auf. Am Hamburger Thalia Theater inszenierte er unter anderem die Uraufführungen von Elfriede ­Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ und „Die Kontrakte des Kaufmanns“, das im vergangenen Jahr zum ­Theatertreffen eingeladen war, am Wiener Burgtheater u.a. „Babel“ und „Das Werk“ – ebenfalls Texte von Elfriede Jelinek. Am Deutschen Theater Berlin hat er u.a. Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, Jelinks „Über ­Tiere“, Schillers „Don Carlos“ und die Revue „Aufhören! Schluss jetzt! Lauter!“ inszeniert. 2010 führte er erstmals bei einer Oper, „La Pйrichole“ an der Komischen Oper Berlin, Regie.

Faust I + II Haus der Berliner Festspiele, Sa 12.+So 13.5., 15.30 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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