Theater

Teil 2: Ulrich Khuon im Gespräch

Ulrich_Khuon_2_c_David_von_BeckerIn Ihren früheren Stationen als Intendant in Konstanz, Hannover und Hamburg leiteten Sie das einzige oder eines von zwei großen Theatern in der Stadt. Das Deutsche Theater ist neben der Volksbühne, der Schaubühne, dem Maxim Gorki Theater, dem HAU, dem Berliner Ensemble das größte und reichste, aber nicht unbedingt das aufregendste Berliner Theater. Ist es ein Problem, dass es sich das Deutsche Theater, anders als die Konkurrenz, nicht in einer gut definierten Nische – am BE die Touristen, an der Volksbühne das Szene-Volk – gemütlich machen kann? Stört es Sie, dass das DT-Profil etwas unscharf und diffus geblieben ist?
Das schärft sich, glauben Sie mir. In einem Kräftefeld so markanter, vielleicht auch künstlerisch egomaner Leute wie Frank Castorf, Claus Peymann oder Thomas Ostermeier an den anderen Häusern bin ich eher jemand, der am Feintuning seines Theaters arbeitet. Ich versuche nicht, das große Werk in einem Wurf auf die Bühne zu schleudern. Ich bin eher der geduldige Schrauber, der alle Stellschrauben im Auge hat und justiert und möglichst genau und sorgfältig über sein Haus nachdenkt. Ich bin kein extremer Mensch, aber natürlich bin ich von extremen Künstlern fasziniert und wünsche sie mir auch an unserem Theater.

Das ist eine sehr ambivalente Selbstbeschreibung – redlich, integer und wohltemperiert. Leider kann das Wohltemperierte auch ins Laue, schrecklich Rechtschaffene kippen. Ist das eine Gefährdung?
Ja, wahrscheinlich. Aber ich erlebe die Aufführungen überhaupt nicht als lau, im Gegenteil. Kommende Spielzeit inszeniert Stefan Pucher am DT, ein Regisseur, der weder lau noch brav ist. Mich interessiert ein Profil, das sich durch die Auseinandersetzungen mit Themen, mit Inhalten schärft. Ich selber habe auch zu viele verschiedene Interessen, um mich auf ganz wenige Themen reduzieren zu wollen. Auf jeden Fall gehört Zeitgenossenschaft, durch Themen und Stücke und Erzählweisen, zu unserem Profil.  Das wird konterkariert durch Stoffe aus dem historischen Fundus, auch durch Mythenmaterial, etwa mit „Ödipus Stadt“, Stephan Kimmigs Eröffnungspremiere der kommenden Spielzeit. Mit einem Schwerpunkt wie „Was kostet die Welt“, mit Aufführungen wie „Capitalista, Baby!“, „Weber“ oder „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ haben wir versucht, zugespitzt über Demokratie und Kapitalismus nachzudenken. Das ist sehr nah an den Themen, die uns in Berlin bewegen. Das setzen wir in der kommenden Spielzeit mit „Ödipus Stadt“, „Verbrennungen“, „Demokratie“, „Coriolan“ und Andres Veiels Bankenstück „Himbeerreich“ fort. Die Politik hat die Kontrolle der Finanzmärkte liberalisiert, es gab ab den 90er-Jahren eine markthörige Besoffenheit, in der man dachte, das regelt sich alles von selbst. Diese fehlende Kontrolle der Banken geht auf Kosten der Allgemeinheit, wenn in den vergangenen Jahren bis heute immer wieder Staaten mit Steuergeldern überschuldete Banken retten müssen. Das beschäftigt mich als Bürger und natürlich beschäftigt uns das auch im Theater. „Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen“, heißt es in Andres Veiels Stück.

Um was geht es in dem Bankenstück „Himbeerreich“, das Veiel in der kommenden Spielzeit am DT inszeniert?
In den Chefetagen einer großen Bank sehen wir ein King-Lear-Reich, völlig unkontrolliert von demokratischen Spielregeln. Veiel interessiert sich dafür, wie man in diesen Chefetagen mit abgelegter, verlorener Herrschaft umgeht. Was heißt das für die einst mächtigen Manager, was heißt das für die Bank, wie sichern sich solche Apparate Loyalität? Das ist auch ein psychosozialer Thriller.

Nicht jeder Regisseur ist überall gleich erfolgreich. Ihr Hausregisseur Andreas Kriegenburg kam in München und Hamburg bei Kritik und Publikum deutlich besser an als jetzt in Berlin, oder?
Das ist ja offensichtlich. Darauf kann man ja auch mit einer gewissen Sturheit reagieren, gerade wenn die Inszenierungen von der Kritik unter Dauerbeschuss stehen. Aber ich finde, uns ist mit Kriegenburgs Inszenierung „Diebe“ etwas Großes gelungen, auch mit „Judith“ oder „Winterreise“.

Das kann man auch anders sehen. Kriegenburgs Berliner Inszenierungen, allen voran „Winterreise“, sind in meinen Augen oft unerträglich kitschig. Seine Auseinandersetzung mit den Stoffen und Stücken finde ich ziemlich oberflächlich. Das wäre kein Problem für Sie, wenn nur jemand wie ich inzwischen unter einer leichten Kriegenburg-Allergie leiden würde. Aber offenbar geht es ja nicht nur mir so.
Das ist ja okay. Damit muss man umgehen und genau darüber nachdenken, welche Stücke, welche Arbeitskonstellationen fruchtbar sein können. Kriegenburgs große Qualitäten sind ja nicht plötzlich verschwunden. Ich bin jetzt gespannt auf „Am schwarzen See“ von Dea Loher, eine seiner Inszenierungen in der kommenden Spielzeit.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, sich am DT von Kriegenburg zu verabschieden?
Nein. Mir selbst ist die Zusammenarbeit mit Andreas Kriegenburg ausgesprochen wichtig. Er ist ein großer Künstler und auch ein Teil meiner eigenen Theaterbiografie.

Es wird Sie nach den uncharmanten Fragen vielleicht überraschen, aber ich freue mich auf Ihre kommende Spielzeit.
Ich auch (lacht).

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: David von Becker

Über Ulrich Khuon:

Ulrich Khuon, 61, studierte Jura, Theologie und Germanistik. Er war Intendant in Konstanz (1988–1993), Hannover (1993–2000) und am Thalia Theater Hamburg (2000–2009). Seit 2009 leitet er das Deutsche Theater Berlin. Neben den Hausregisseuren Stephan Kimmig und Andreas Kriegenburg sind Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer, das Regie-Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner und ab kommender Spielzeit Stefan Pucher spielplanprägende Regisseure des Deutschen Theaters. Schon die Namen der Regisseure, die für sehr unterschiedliche Handschriften ­stehen, machen klar, dass Khuon, der selber nicht Regie führt, an seinem Haus einen Pluralismus der Stile pflegt. Seit 1995 veranstaltet Khuon an den von ihm geleiteten Theatern, erst in Hannover und Hamburg, jetzt in Berlin, die Autorentheatertage, ein Festival der Gegenwartsdramatik. Zu den wichtigsten Produktionen der ersten drei Intendanz-Jahre Khuons am Deutschen Theater zählen Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (Regie: Nicolas Stemann), Tschechows „Krankenzimmer Nr. 6“ (Regie: Gotscheff), Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ (Regie: Thalheimer), Dea Lohers „Unschuld“ (Regie: Thalheimer), Gorkis „Kinder der Sonne“ (Regie: Kimmig), Judith Herzbergs „Über Leben“ (Regie: Kimmig) und nach Ansicht Khuons, die vom Theaterredakteur dieser Zeitschrift nicht geteilt wird, Dea Lohers „Diebe“ (Regie: Kriegenburg) und Jelineks „Winterreise“ (Regie: Kriegenburg).

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