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„Terror“ am Deutschen Theater

Das ist ein altmodisches Theaterstück – also eines, das die Bühne als Versuchslabor für die großen moralischen Fragen versteht. Der Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach spielt in seinem Debüt als Dramatiker ein Dilemma durch: Egal wie sich sein Protagonist entscheidet, er wird zum Mörder. Verhandelt wird der fiktive, aber jederzeit mögliche Fall eines Luftwaffen-Piloten, der sich entscheiden muss, ob er ein von einem Selbstmordattentäter gekapertes Lufthansa-Flugzeug auf dem Weg von Berlin nach München abschießt – oder ob er zulässt, dass die Maschine in die ausverkaufte Allianz-Arena rast. Was ist wertvoller, die Leben der 164 Flugzeug-Passagiere oder die der 70.000 Besucher eines Münchner Fussballspiels?
Mit der Direktheit des Theater-Novizen setzt der Jurist von Schirach die Bühnen-Situation mit einer Gerichtsaal-Situation in eins: Die Zuschauer werden zu Schöffen, die den Fall zu entscheiden haben. Das ist eine etwas plumpe Konstruktion, aber sie funktioniert. Zur großen Qualität des Stücks gehört die Fairness den Figuren gegenüber. Die menschliche und professionelle Integrität des Offiziers, der sich entgegen des ausdrücklichen Befehls seiner Vorgesetzten eigenmächtig dafür entscheidet, die entführte Lufthansa-Maschine abzuschießen, steht nicht in Frage, im Gegenteil. Sie ist die Voraussetzung der Fallhöhe des verhandelten Konflikts.
Nach der Uraufführung am Deutschen Theater werden allein in dieser Saison mindestens 15 Bühnen das Stück nachspielen. Oliver Berbens Produktionsfirma will den Stoff verfilmen. Damit dürfte Ferdinand von Schirach der erfolgreichste Dramatiker dieser Spielzeit sein. Nur ist er leider kein Dramatiker. Sondern in diesem Text ein kluger Rechtsgelehrter, dessen Figuren als Thesenritter und Argumentations-Lautsprecher die möglichen Rechtstandpunkte so scharfsinnig wie abstrakt vortragen.
Hasko Webers Uraufführung verstärkt die Schwächen des Stücks fatal. Als würde er der dokumentarischen Nüchternheit des Textes misstrauen, setzt der Regisseur auf Effekt-Huberei. Als würden wir die Alpträume des angeklagten Luftwaffen-Piloten (so schnittig wie oberflächlich: Timo Weisschnur) besichtigen, werden immer wieder psychedelisch anmutende Grafikanimationen auf die Bühnenrückwand projiziert (Video: Daniel Hengst). Da stapeln sich wie in einem aufgeblähten MTV-Video aus den 90er Jahren blutrote Aktenordner. Raketen, Flugzeuge und Spielzeugpuppen wirbeln vorbei, die Gesichter der Richterin (Almut Zilcher) oder der Staatsanwältin (Franziska Machens) mutieren zu monströs vergrößerten Fratzen. Man fragt sich unwillkürlich, welche Psychodrogen dem armen Angeklagten ins Gefängnis- essen gemischt wurden. Als würde das nicht genügen, muss Almut Zilcher als vorsitzende Richterin einen albernen Gehrock tragen, als wäre sie nicht im Dienst der Rechtspflege, sondern als Zirkusdompteurin tätig.
Die Schlusspointe ist raffiniert. Die Schöffen, also die Zuschauer, müssen  entscheiden, ob der Angeklagte des 164fachen Mordes für schuldig befunden oder freigesprochen wird, weil er nur durch den Abschuss des Flugzeugs dessen Explosion in der Allianz-Arena verhindern konnte. Der Jurist von Schirach bietet für beide Entscheidungen überzeugende Urteilsbegründungen an. Damit treibt er sein Gedankenexperiment auf die Spitze: Wenn beide Urteile, der Freispruch wie die Verurteilung wegen Mordes, glasklar zu vertreten sind, führt der Prozess nicht zu einer Klärung, sondern zurück auf seinen Ausgangspunkt eines nicht auflösbaren moralischen Dilemmas.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Karten-Tel. 28 44 12 25

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