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„?Tessa Blomstedt“ in der Volksbühne

Christoph Marthaler ist zurück an der Volksbühne, und seine Faszination für das triste Glück und Unglück einer versunkenen Kleinbürgerwelt der verkniffenen Körper und Gefühle scheint ungebrochen. Kino mag (nach Truffaut) bedeuten, dass schöne Menschen schöne Dinge tun, im Marthaler-Theater verhält es sich umgekehrt. Diesmal bedient sich das Bühnenpersonal bei den tiefen Wahrheiten des Schlagers, von ABBA („Waterloo“) bis Udo Jürgens („Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden und eine Hand, die deine hält“). Wenn schon hardcore, dann richtig, also muss auch Helene Fischer ohne den Schutz eines gnädigen Mar­thaler-Halbdämmers dran glauben: „Atemlos durch die Nacht, ich spür, was die Liebe aus uns macht.“ Das klingt, wenn die offenbar durch nichts zu erschütternde, stimmmächtige Tora Augestad das im glitzernden, dunklen Outfit einer Schlagersängerin aus den 80ern im Stil eines „Hitparaden“-Auftritts singt, wie eine Drohung aus dem Zombie-Reich.
Die fünf Damen im Bürosekretärinnen-Chic der frühen 70er-Jahre (Tora Augstad, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Lilith Stangenberg und die nicht genug zu verehrende Irm Hermann), ein Herr wie ein depressives Walross im farbfreudigen Jackett (lange nicht gesehen: Ulrich Voß) und ein als Gebrauchsmusiker auf vielen Bällen der einsamen Herzen zum Stoiker erkaltete Keyboarder mit heimlicher Liebe zum Keyboard-Spiel eines Jimmy Smith (der große Clemens Sienknecht) vertreiben sich die Bühnenstunden und ihr einsames Leben mit Gesang.Was sollen sie auch sonst machen? Ab und zu versuchen sie es mit Datingportalen, wobei der Bürovorsteher mit Walrossblick seinen Geschlechtsgenossen gerne sachdienliche Hinweise zur Kontaktaufnahme mit dem unbekannten Objekt der Begierde gibt: „Die ganze Frauenwelt nur eine Textnachricht entfernt!“ Auch Vokabeln wie „Kruscheln“ oder „Profil“ haben Einzug in Marthalers Kleinbürger-Mief-Welt gehalten, sie klingen wie die Fortsetzung der Schlager mit digitalen Mitteln.   

Text: Peter Laudenbach

Foto: Walter Mair

 

Adresse + Termine: Volksbühne, Karten-Tel. 24 06 57 77

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