Theater

„Testament“ im Haus der Berliner Festspiele

testamentEine gute Performance, glaubt Sebastian Bark vom Kollektiv She She Pop, macht eine Fallhöhe spürbar, sie geht ein Risiko ein. She She Pop sind ihrer Produktion „Testament“ ein hohes Risiko eingegangen. Es ist die bisher beste Performance der 1998 in der Diskurswerkstatt des Gießener Studiengangs für angewandte Theaterwissenschaften gegründeten Gruppe. In „Testament“ holen die Pop-Performer die eigenen Väter auf die Bühne, um auf der Folie von Shakespeares „King Lear“ Fragen von Erbfolge, Machtübernahme und Generationenvertrag zu verhandeln. Die Väter fremdelten mit dem Theater der Performance-Kinder, erzählt Bark, warfen ihm „Exhibitionismus“ und das Verfehlen einer metaphorischen Ebene vor. Diese Zweifel an der Show wurden dann ehrlicherweise Teil der Show.

Die Arbeit war ein Grenzgang, in vielerlei Hinsicht. Zwar bekannten die Väter schließlich, dass sich alles gelohnt habe. „Aber wir hatten ihre Ausstiegsdrohungen während der Proben noch im Ohr – und eben auch auf Band“, lacht Bark. Zudem hat die Produktion die Performance-Philosophie von She She Pop grundsätzlich infrage gestellt. Das siebenköpfige Kollektiv spielt seit Jahren offensiv mit Selbstentblößungsformaten, irgendwo zwischen Kapitalismuskritik, Gendertheorie, Ironie-Überschuss und Kindergeburtstag. „Aber wir dirigieren keine Schauspieler, auch keine Laien“, sagt Bark. Erst als das Interesse der Väter spürbar wurde, die eigenen Texte einzusortieren, sei man über den Berg gewesen. Und schließlich, noch so ein Risiko, legt „Testament“ ja zumindest auf den ersten Blick den Verdacht nahe, es würden Privatkonflikte verhandelt oder Abnabelungsschau betrieben.

Dass She She Pop tatsächlich ein universeller Wurf gelungen ist, davon erzählen auch die Erfahrungen auf Gastspielreise im Ausland. In Schweden, sagt Bark, sei das Stück sehr feministisch gedeutet worden – Frauen auf der Bühne, die mit alten Männern abrechnen! In Japan sei nach den Vorstellungen viel über Autorität in der Familie und die Rolle des Patriarchen debattiert wurden. Die Arbeit, so Bark, „ist offenbar anschlussfähig“. She She Pop haben mit „Testament“ den eigenen Horizont erweitert. Zuvor gehörte es oft zum Konzept, Mitmach-Happenings für eine begrenzte Zahl von Leuten aufzuziehen – Theater in der selbst gewählten Nische. „Das hinter sich zu lassen, war aufregend“, findet Bark. Das nächste große She-She-Pop-Projekt wird sich mit der Wiedervereinigung beschäftigen. Fallhöhe ist da ausreichend vorhanden.

Text: Patrick Wildermann

Foto: She She Pop

Testament
HAU 2, Di 10.5., 20 Uhr, Mi 11.5., Do 12.5., 16 + 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04-27

Mehr über Cookies erfahren