Theater

„Testing Stage“ im HAU

TestingStage_Fujiwara„To be a perfomance artist, you have to hate theatre. Theatre ist fake“, behauptet Marina Abramovi in der Programm-Zeitschrift, mit der das HAU das Festival die zweite Azusgabe des Kunst-trifft-Bühne-Performance-Festivals „Testing Stage“ promotet. Bei der ersten Festival-Ausgabe 2009 ließ sich bei der bildenden Kunst ein Hype der Performances beobachten, „die im klassischen Kunstmarkt-Sinne gar nicht verwertbar sind“, sagt HAU-Leiter Matthias Lilienthal. Klaus Biesenbach, Leiter der New Yorker Kunsthalle MoMA PS1, sprach schon von einem „Paradigmenwechsel“ und davon, dass Kunst, „die produziert und vermarktet wird wie Güter der Luxusindustrie“, nicht mehr relevant sei. Also lud Lilienthal für das zweite Kunst-Festival am HAU Bildende Künstler ein, um die Bühne zu testen. Darunter Shootingstars wie der fast im klassischen Theatersetting performende Simon Fujiwara. In „The boy who cried wolf“ montiert er drei Performances zu einer Trilogie, die er mit seiner fiktiven Biografie rahmt. „Mirrow Stage“ zeigt ihn im Interview mit einem Kind und erzählt eine Coming-of-Age-Story. „Welcome to the Hotel Munber“ spielt im Franco-Spanien der 70er, wo die Eltern eine Bodega betreiben und der Sohn versucht, einen erotischen Roman zu schreiben, mit dem Vater in der Hauptrolle.

Dagegen hat Keren Cytter, die im HAU schon länger die Bühne testet, in „Anke is gone“ ein einfaches Sujet gewählt: die Geschichte zweier Freundinnen, die eine ein Star, die andere im Schatten, doch Erfolg und klinische Depression wechseln im Lauf der Zeit die Seiten. Spannung erzeugt bei Cytter nicht der Plot, sondern das Switchen von Spielebenen – Bühne, Backstage, Video. Vor zwei Jahren hatte die israelische Künstlerin ins HAU 3 ein hölzernes „Guilthouse“ gebaut, in dem sie die tragische Geschichte einer französischen Familie in mehreren Kurzfilmen beklemmend beleuchtete. Hinter den mysteriösen Werktiteln „M.31“, „K.62“ und „K.85“ verbergen sich Film-Adaptionen von Dominique Gonzalez-Foerster und Ari Benjamin Meyers, die sie im letzten Jahr schon beim New Yorker Glamour-Festival Performa in New York vorgestellt haben. Schlüsselszenen und Atmosphären aus „Der Prozess“ von Orson Welles, „After Hour“ von Scorsese und, extra für Berlin, „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“ übersetzen die Künstler in reale Settings in der Stadt und ins Theater mit großem Orchester. Das Publikum wird Teil eines geheimen Plans, einer Verschwörungs-Dramaturgie.

An ganz alte Theatermittel hat sich der Installationskünstler Tobias Rehberger erinnert, er schafft auch im HAU Erfahrungsräume. Für seine Cafeteria ohne dreidimensionale Wirkung bekam er auf der 53. Biennale von Venedig den Goldenen Löwen, jetzt macht er im HAU 2 das Wetter: Er schaltet das Tagesklima in Coatzacoalcos in Mexiko, Malin Head in Irland oder der Insel Honshu in Japan live ins Hallesche Ufer 32. Neben dem Shopping-Live-Channel von Phil Collins und Nevin Aladags Sprach-Stück, das komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen ganz einfach mit zwei Performern „lip-synced“, lädt das HAU auch noch zur langen Performance-Nacht mit der Künstlerplattform Freundinnen und Basso, die gerade noch bei Tobias Rehberger oder Olafur Eliasson studieren. Und wenn am 1. Oktober in der näheren Umgebung vom HAU plötzlich sechs Männer mit E-Gitarren auftauchen, die jedem Klischee spotten und ihre Leadguitar gemeinsam performen, dann sind das die Dänen yoyooyoy bei der „Long night of artists’ music“. Fertige Produktionen für ein Festival einzukaufen ist einfach. Testing Stage produziert Kunst neu oder in neuer Form: für die Bühne. „Ich verspreche, dass das Festival entweder richtig scheiße oder richtig super wird“, sagt Lilienthal. „Es wird auf gar keinen Fall mittellangweilig.“

Text: Anja Quickert

Testing Stage  Hau, 15.9.–1.10., Termine siehe www.hebbel-am-ufer.de, Karten-Tel. 25 90 04 27

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