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Thalheimers „Medea“ mit Constanze Becker eröffnet das 50. Theatertreffen

Medea_Constanze_BeckerFür ihre Titelrolle in Michael Thalheimers Frankfurter Inszenierung der Euripides-Tragödie „Medea“, bekam Constanze Becker den Eysoldt-Ring, die höchste Schauspielerauszeichnung des Landes. „Sie bringt zusammen, was unvereinbar erscheint“, hat Michael Thalheimer in der Laudatio zur Preisverleihung gesagt. „Als Medea verkörpert sie radikale Härte und zugleich tiefe Verletzlichkeit.“ Damit trifft der Regisseur die Faszinationskraft von Beckers Spiel ziemlich genau. Thalheimers Inszenierung mit Beckers Medea wird das Theatertreffen eröffnen.

„Wenn ich mir das Leben so ansehe, das Leben ist viel klischeehafter als das, was wir auf der Bühne machen“, sagt die Schauspielerin. Sie hat bei der Figurenzeichnung keine Angst vor großer Deutlichkeit. Und das heißt in diesem Fall auch: Sie hat keine Angst vor der Wirkung. Das passt zu Thalheimer, dem derzeit vielleicht wuchtigsten und klarsten Regisseur. Sie hat, sagen die Kollegen, keine Attitüden und Allüren, sie macht keine Zicken und keine Schnörkel. „Sie hat einen tollen, trockenen Humor. Bei den ‚Medea‘-Proben hat’s mich einmal echt zerrissen. Sie hat gesagt: ‚Kinder, lasst uns anfangen, sonst bin ich zu alt für die Rolle‘“, erzählt ihre Schauspieler-Kollegin Bettina Hoppe. „Sie ist eine der uneitelsten Schauspielerinnen, die ich kenne, und deshalb vollkommen frei von Moden und Manierismen – nichts beeinträchtigt oder hemmt ihre Ausdrucksformen.“ So hat es Thalheimer bei der Preisverleihung gesagt.

Wenn sie durch den Nieselregen zum Gespräch ins Cafй kommt, trägt sie eine Pudelmütze und ist ein etwas gehetzter Mensch. Erst mal hinsetzen! Sie hat einfach nicht viel Zeit. Sie ist Mutter, sie hat ein Haus und einen Garten zu versorgen. Sie ist Schauspielerin, sie spielt in Frankfurt und in Goschs „Onkel Wanja“ immer noch als Gast am Deutschen Theater. Sie unterrichtet, und gerade hat sie auch noch Regie geführt, bei Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ mit Studierenden der Frankfurter Hochschule. Jetzt soll sie hier sagen, wer sie ist. Becker hat keine große Neigung, über Vorlieben, Abneigungen etc. zu reden. Sie hat klare Haltungen, aber Themen wie Sexismus oder die Sache mit den Worten, die in Kinderbüchern stehen dürfen, kommen ihr doch nicht als die Probleme vor, um die sie sich gerade kümmern sollte: „Wenn bei jeder sexistischen Bemerkung im Theater der Betriebsrat eingeschaltet würde, könnten wir kein Theater mehr machen.“

Geboren wurde sie 1978 in Lübeck, ausgebildet an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Sie spielte in Leipzig, Düsseldorf, am Deutschen Theater in Berlin und jetzt in Frankfurt. Vor allem die Arbeit mit Jürgen Gosch und Thalheimer war prägend. Geehrt und zum Theatertreffen eingeladen wird Constanze Becker als Medea, als Tragödin. Sie ist, es hat sich inzwischen herumgesprochen, eine der ganz wenigen echten Tragödinnen unserer Tage. Die Geburt dieser Tragödin war Thalheimers „Orestie“ am Deutschen Theater. Reese, damals der Dramaturg der Produktion, sagt: „Das absolut Erstaunliche war, dass damals alles – das Bier, das sie sich drüberschüttet, die Käsestulle, der rosafarbene BH – von Anfang an da war. Die Proben waren einfach. Der Regisseur Michael Thalheimer war noch nie so entspannt. Diese Klytämnestra war wie eine Setzung von Constanze, ein Pfahl, den sie in den Boden rammt.“

Es war Wucht, es war düster und es war elementar. Woher hat sie das? Das ist die große Frage. Reese ist ratlos. Das Düstere geht ihr im Privaten ab, sagt er. Woher kommt dann also die Tragödie in ihr? Warum kann sie das? Thalheimer sagte es in seiner Laudatio so: „Constanze sucht immer den direkten Weg zum Kern einer Figur oder Szene. Spekulative oder unwesentliche Dinge interessieren sie nicht – Theorien oder Konzepte sind für sie nur so lange haltbar, bis sie sich auf der Bühne eingelöst haben.”
„Ich glaube, es liegt sehr an der Art von Michael Thalheimer, mit antiken Texten zu arbeiten“, sagt sie selbst. „Diese Art hat mich geprägt. Ich muss da nichts spielen. Es geht um einen Text, der ohne Zusätze, die über den Text hinausgehen, monolithisch in den Raum gestellt wird. Antike Texte brauchen weder Milieufärbung noch Biografie. Sie rechnen Fakten auf. Sie reden über Tatsachen, auch wenn sie über Gefühle reden. Selbst wenn Dinge in Frage gestellt werden, geht es nicht um Befindlichkeiten.“

Das sieht man in „Medea“. Wenn Becker als Medea erscheint – sehr weit weg im Bühnenhintergrund, sehr weit oben, mit dem Rücken zum Publikum – scheint sie von fern, aus dem Grund der Verzweiflung zu kommen. Sie haftet an der schwarzen Rückwand wie ein Schmerz-Mal. In ihrem Schrei mischen sich Leid und Hass. Sie wird lange dort oben und hinten bleiben, in großem Abstand, und uns trotzdem zu Leibe rücken. Es ist nicht nur der hohe Ton der Tragödie, den Becker ungebrochen spricht, sie zeigt auch das Denken mit scharfer Diktion.

Mit strähnigem Haar und im schmutzigen Unterkleid leidet und denkt diese Frau. Sie wirkt, als sei in ihr der Geist der antiken Tragödie wieder auferstanden. Gleichzeitig hat Beckers Medea etwas sehr Modernes. Ihr leidender, schneidender Hass ist Konsequenz aus weiblichem Selbstbewusstsein. Weil er es will, macht ihr Gatte Iason deutlich, hat er jedes Recht, sich eine andere Frau zu nehmen. Er kommt nicht einmal auf die Idee, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil er die Frau in der Fremde sitzen lässt. Medea behauptet sich in dieser Männerwelt. Ganz trocken spricht sie davon, die Kinder umzubringen: „Niemand halte mich für schwach.“ Diese Medea ist neben allem Hass nüchtern und realistisch. Es ist so, wie Becker gesagt hat: Ein Text, der ohne Zusätze in den Raum gestellt wird. Bloße Tatsachen.

Entsprechend entsteht bei Becker die Figur ganz aus der Form. Es ist klar durchstrukturierte Stimm- und Körperberrschung. Schon die gespreizte, an die Wand gepresste Hand ist wie ein Bild ihrer selbst. Die abgründigen Schreie sind nicht mit letzter Kraft emporgepresst, sondern ein stimmlich klar gesetztes Ausrufezeichen. Beckers Spiel wirkt deshalb, als müsse man die Situation nur aushalten. Als sehe sie dem Schrecken ins Auge. Der Zuschauer begreift, wa­rum sie ihre Kinder ermordet. Er bewundert Geistesgegenwart und Gefühlskälte. Gleichzeitig überfallen ihn Schauder. Diese Frau ist zu kalt, zu hochmütig. Sie ist schuldlos und sie ist schuldig.
Becker bezeichnet es als „unmittelbares Spielen“, was sie selbst als Medea erlebt. „Ich merke auf der Bühne sehr genau, was das macht, ob die Geschichte, die man spielt, einen trägt.“ 

Text: Peter Michalzik
Foto: Birgit Hupfeld

Medea
Haus der Berliner Festspiele, Fr 3., Sa 4.5., 19.30 Uhr,
Karten-Tel.: 25 48 91 00

 

Mehr:

Im Gespräch mit der Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer

Theater und Bühne in Berlin 

 

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